Vergleich mit Borderline-Patienten | Neuro-Depesche 9/2019

Emotionale Dysregulation bei ADHS-Patienten?

Zertifizierte Fortbildung
Die Symptome einer ADHS überlappen sich teilweise mit denen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD). Dies erschwert manchmal die Differenzialdiagnose, zu der auch eine emotionale Dysregulation in Form von Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, geringer Frustrationstoleranz etc. gehört. Ein französisch-schweizerisches Team untersuchte nun an mehr als 400 Patienten die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in verschiedenen Aspekten der emotionalen Kontrolle und Coping-Strategien.
Die Studie umfasste französischsprachige ambulante Patienten eines spezialisierten Zentrums in Genf. Bei 279 Patienten war eine ADHS diagnostiziert worden, bei 70 eine BPD. 60 Patienten hatten eine ADHSplus eine BPD-Diagnose aufgewiesen. Die drei Gruppen wurden mithilfe verschiedener Skalen untersucht, darunter die emotionale Dysregulation (ED) mit der Emotion Reactivity Scale (ERS) und kognitive Emotionsregulations- Strategien mit dem Cognitive Emotional Regulation Questionnaire (CERQ).
Die ADHS-Patienten zeigten mit einer ERS-Gesamtpunktzahl von 47,38 eine stärkere ED als Patienten aus kommunalen und lokalen psychiatrischen Kliniken (36,66; p < 0,001) und auch als Personen der Bevölkerung (35,02; p < 0,001). Die ADHS-Patienten waren von der ED aber vergleichsweise weniger stark betroffen als die beiden übrigen Gruppen: BPD- und BPD+ADHS-Patienten erzielten in jeder ERS-Subskala (Sensitivität, Intensität und Persistenz) und im ERS-Summenscore schlechtere Werte (je p < 0,001): Die ADHS-Patienten mit komorbider BPD wiesen den höchsten ERS-Summenwert auf (66,61), wenngleich sie sich von den BPD-Patienten (63,01) darin nicht signifikant unterschieden.
Weitere Befunde: Die ADHS-Patienten setzten nach CERQ häufiger adaptive und seltener nicht-adaptive kognitive Strategien ein als die BPD-Patienten (je p < 0,001). Sie waren aber auch stärker beeinträchtigt als das Kontrollsample. Ähnliche Defizite wie die BPD-Gruppen wies die ADHS-Gruppe dagegen in der Selbstwahrnehmung und in der Wahrnehmung anderer auf.
Darüber hinaus war eine ED (wie andere Befunde auch) signifikant mit der Schwere der ADHS-Symptomatik nach der ADHD Self-Report Scale für Erwachsene assoziiert. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Die emotionale Dysregulation (ED) ist ein mit bis zu 70 % der erwachsenen Betroffenen häufiges und wichtiges Symptom der ADHS. Es hat erheblichen Einfluss auf die Schwere der Erkrankung, das globale Funktionsniveau und die Lebensqualität der Patienten und ihre Prognose hat. Die ED ist bei ADHS-Kranken offenbar weniger stark ausgeprägt und für die Psychopathologie weniger „zentral“ als bei BPD-Patienten. Dessen ungeachtet können bei der ED gemeinsame ätiologisch wichtige Mechanismen vorliegen. Nicht zuletzt ist die Komorbidität von ADHS und BPD hoch – je ein Drittel der BPD-Patienten weist ein ADHS und vice versa auf.
Quelle: Rüfenacht E et al.: Emotion dysregulation in adults suffering from attention deficit hyperactivity disorder (ADHD), a comparison with borderline personality disorder (BPD). Borderline Personal Disord Emot Dysregul 2019; 6: 11 [Epub: 18. Juli; doi: 10.1186/ s40479-019-0108-1]

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