APA-Vorschlag: „Internet Gaming Disorder" | Neuro-Depesche 1/2017

Wirklich ein relevantes Problem?

Mit dem Siegeszug von Smartphones und Tablets sind offenbar auch die nichtsubstanzgebunden Süchte auf dem Vormarsch. Wie häufig ist eine von der American Psychiatric Association (APA) vorgeschlagene „Internet Gaming Disorder“ (IGD), und inwieweit wirkt sie sich auf das Alltagsleben der Betroffenen aus?

Die APA hat die IGD als eine mögliche neue psychiatrische Erkrankung identifiziert. Jetzt wurde erstmals versucht, auf Basis von neun APA-Indikatoren (Distress, Verlangen, Entzugssymptome, Kontrollverlust etc.) Prävalenz, Validität der Indikatoren etc. zu prüfen. Vier Online- Befragungen mit zusammen 18 932 Teilnehmern aus den USA, Kanada, Großbritannien und Deutschland – überwiegend im Alter von 18–24 Jahren, teils aber auch über 65 Jahre – wurden nach prospektiven Ergebniskriterien analysiert.
Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten (64,9%–86,3%) hatten kürzlich ein Internet-basiertes Spiel gespielt. Das jeweilige Überwiegen von Männern und von Frauen in einzelnen Studien glich sich praktisch aus. Mehr als die Hälfte (58,5%–69,8%) der Teilnehmer wies keinen einzigen der neun IGD-Indikatoren auf. Selbst unter den spielenden Teilnehmern zeigten mehr als zwei von drei keinerlei Symptome. Nur etwa 2,4% erfüllten mindestens fünf der neun Indikatoren und zeigten damit Anzeichen eines möglicherweise dysregulierten Spielens. Auf die Bevölkerung bezogen dürfte demnach nur ein äußerst kleiner Anteil zwischen 0,3% und 1,0% für die IGD-Diagnose in Frage kommen. Allerdings war die Zahl der Indikatoren positiv korreliert mit dem empfundenen Distress (rs = 0,24–0,33). Ein solcher lag bei 17%–37% der IGD-Gruppe vs. 1,3%– 3,0% bei den übrigen Befragten vor.
Der Vergleich mit der (etablierten) Gambling disorder ergab, dass Internet-basierte Spiele vermutlich ein deutlich geringeres Suchtpotenzial aufweisen als das übrige Spielen (Automaten, Lotterie, Wetten etc.): Ein geringerer Anteil der ausschließlichen Internet-Gamer entwickelte eine IGD als der auch in der wirklichen Welt spielenden Befragten.
Für die These, dass die IGD-Fälle körperlich und sozial weniger aktiv sowie psychisch kränker waren, als jene, die die diagnostischen Kriterien nicht erfüllten, fand sich keine Signifikanz. Einzelne statistische Trends beurteilen die Autoren als nicht klinisch relevant. JL

Kommentar

Die Ergebnisse sind gemischt: Einerseits scheinen die diagnostischen IGD-Kriterien (fünf von neun Indikatoren) über kulturelle Grenzen und Geschlechter hinweg zuverlässig, andererseits dürften die negativen Effekte einer IGD auf das Alltagsleben eher gering ausfallen. Nach diesen Daten leidet zudem nur ein sehr geringer Teil der Bevölkerung an einer IGD.


Quelle:

Przybylski AK et al.: Internet gaming disorder: investigating the clinical relevance of a new phenomenon. Am J Psychiatry 2016: appiajp201616020224 [Epub 4. Nov.; doi: 10.1176/appi.ajp.2016.16020224]

ICD-Codes: F63.8

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