Metaanalyse zur ADHS | Neuro-Depesche 1-2/2018

Verletzungsgefahr bei behandelten und nicht-behandelten Kindern und Jugendlichen

Zertifizierte Fortbildung

ADHS-Erkrankungen gehen den Erfahrungen nach besonders bei Jungen mit einem erhöhten Risiko für unabsichtliche Verletzungen einher. Ein Wissenschaftler-Team unternahm jetzt eine systematische Übersicht und Metaanalyse, um den Zusammenhang zwischen ADHS-Erkrankung und Verletzungsrisiko zu quantifizieren und mögliche Effekte einer medikamentösen Behandlung zu detektieren.

In der umfassenden Recherche wurden 114 Datenbanken ausgewertet. Bis Juni 2017 waren 44 auswertbare Studien erschienen, in denen Patienten < 18 Jahren mit einer ADHS-Diagnose eingeschlossen worden waren. Die gepoolten Wahrscheinlichkeiten bzw. Risiken wurden anhand der Odds Ratio (OR) bzw. der Hazard Ratio (HR) bestimmt. Schädel-Hirn-Verletzungen waren bewusst ausgeschlossen worden.
Aus 28 OR-basierten Studien (mit 350 938 ADHSPatienten und 4 055 620 Personen ohne ADHS) ergab sich eine Erhöhung des Verletzungsrisikos um 53% (OR: 1,53; 95%-KI: 1,40–1,67). Die Studien zeigten eine signifikante Heterogenität (I2: 74,7%), eine Metaregressionsanalyse ergab jedoch keine signifikanten Verzerrungen (Bias). In keiner der Subanalysen fanden sich signifikante Einflüsse von Alter, Geschlecht oder Komorbidität.
Aus vier HR-basierten Studien (mit 20 363 ADHS-Patienten und 901 891 Personen ohne ADHS) resultierte eine um 39% erhöhte Verletzungsgefahr (HR: 1,39; 95%-KI: 1,06–1,83).
Die metaanalytische Auswertung nach medikamentöser Behandlung (13 254 ADHS-Patienten in fünf Studien) ergab, dass das Verletzungsrisiko bei den – am häufigsten mit Methylphenidat – behandelten gegenüber den nicht-behandelten ADHS-Kranken signifikant reduziert war: Die gepoolte Effektgröße der protektiven Wirkung betrug 0,879 (95%- KI: 0,838–0,922). In drei europäischen und einer taiwanesischen Studie dienten die Patienten als ihre eigenen Kontrollen. Der protektive Effekt war dabei gleichförmig, die Heterogenität zwischen den Studien nicht signifikant (I2: 32,8%).
Die Autoren betonen, dass alle durchgeführten Sensitivitätsanalysen – adjustierte vs. unadjustierte OR’s, ADHS-Diagnoseart, Verletzungsdefinition etc. – die „Robustheit“ der Metaanalyse- Ergebnisse bestätigen. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Das bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS in dieser Metaanalyse gegenüber Nicht-Erkrankten signifikant höhere Verletzungsrisiko könnte zur insgesamt erhöhten Mortalität von ADHS-Patienten beitragen. Zumindest kurzfristig, so die Autoren, scheint das Risiko durch eine etablierte ADHS-Medikation um etwa 10% verringert werden zu können. Dies sollte insbesondere beim Absetzen von ADHS-Medikamenten beachtet werden. Der protektive Effekt fand sich in wenigen, aber methodisch hochwertigen Studien. Dass Alter, Geschlecht und Komorbidität das Verletzungsrisiko nicht maßgeblich beeinflussten, steht allerdings im Gegensatz zu einigen anderen großen Untersuchungen.

Quelle:

Ruiz-Goikoetxea M et al.: Risk of unintentional injuries in children and adolescents with ADHD and the impact of ADHD medications: A systematic review and meta-analysis. Neurosci Biobehav Rev 2018; 84: 63- 71

ICD-Codes: F90.0

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