Erwachsene mit ADHS | Neuro-Depesche 11/2015

Es herrscht „kognitive Heterogenität"

Zertifizierte Fortbildung

Kognitive Einschränkungen sind von Patienten mit vielen psychiatrischen (und anderen) Erkrankungen bekannt. Welche Fähigkeiten sind bei Erwachsenen mit einer ADHS beeinträchtigt? Dazu führten niederländische Forscher eine systematische, sehr detaillierte Untersuchung durch.

Den umfangreichen neuropsychologischen Tests unterzogen sich 133 Patienten mit einer ADHS (42% Männer) und 132 gesunde Erwachsene (40% Männer) – beide Gruppe im Durchschnittsalter von 36 Jahren. In den zahlreichen Tests wurden die Prävalenz einzelner Defizite und deren Schwere bestimmt. Nur 11% der ADHS-Kranken zeigten keine neuropsychologischen Dysfunktionen. Die Patienten hatten in einer größeren Zahl von Tests unzureichende Ergebnisse (15,82% vs. 9,16%; p = 0,001) als die Kontrollen – allerdings mit sehr hoher inter-individueller Variabilität. Gegenüber den gesunden Erwachsenen wiesen die ADHS-Patienten unter anderem beeinträchtigte exekutive Funktionen wie Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit auf, aber nicht hinsichtlich der Flexibilität (set-shifting), der Wortflüssigkeit oder der Inhibition (wobei Letztere ja eigentlich ein Kerndefizit der ADHS darstellt). Die Gruppe zeigte eine vermehrte Impulsivität in Entscheidungsaufgaben und insgesamt eine deutlich höhere Response-Variabilität. In den auffälligen Parametern waren die Effektgrößen (für die Unterschiede zu Gesunden) klein bis mittelgroß (Spanne: 0,05–0,70). Diese Relationen waren im Übrigen unabhängig vom IQ.
In einem zusätzlichen Versuch, anhand verschiedener kognitiver Variablen ein möglichst präzises Diagnosemodell zu erstellen, ergab die Kombination von sechs kognitiven Domänen – Digit span forward, Flanker (total SD of RT), SAdots (SD series errors und response bias), Delay discounting (k100) – für die ADHS-Diagnose eine Spezifität von 82,1% und eine Sensitivität von 64,9%.
Wider Erwarten wichen Patienten unter einer Stimulanzien-Behandlung und solche mit einer anamnestischen Major Depression in ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit von den übrigen nicht maßgeblich ab. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Von Kindern mit ADHS sind Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen (EF), des Belohnungssystems und des Zeitempfindens bekannt. Für Patienten mit Persistenz der ADHS ins Erwachsenenalter fehlen bislang detaillierte Untersuchungen. In dieser Studie ergab sich nun ein komplexes Bild mit verschiedenen starken kognitiven Einbußen, deren Muster sich allerdings von Patient zu Patient sehr unterschieden. Somit konstatieren die Autoren bei den ADHS-Erwachsenen eine starke „kognitive Heterogenität“.

Quelle:

Mostert JC et al.: Cognitive heterogeneity in adult attention deficit/hyperactivity disorder: A systematic analysis of neuropsychological measurements. Eur Neuropsychopharmacol 2015; pii: S0924- 977X(15)00263-1 [Epub 21. Aug.; doi: 10.1016/j.euroneuro.2015.08.010]

ICD-Codes: F90.0

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