Nach Parkinson-Diagnose bis zu zehn Jahre beobachtet | Neuro-Depesche 1-2/2017

Die Prognose ist schlechter als angenommen

Bei optimaler Medikation können Patienten mit frisch diagnostiziertem Morbus Parkinson lange Zeit ein relativ unbeschwertes Leben führen. Jetzt deutet die PINE-Studie darauf hin, dass die mittel- und langfristige Prognose vielleicht doch nicht so gut ist: Die Verschlechterungen scheinen schneller voranzuschreiten als angenommen, die Sterblichkeit ist massiv erhöht, besonders bei atypischen Formen.

PINE (Parkinsonism Incidence in North-East Scotland) ist eine prospektive Follow-up-Kohortenstudie, in die 323 Patienten mit einer Parkinson- Symptomatik (≥ 2 motorische Kardinalsymptome wie Bradykinesie, Rigor, Ruhetremor, Haltungsinstabilität) im Durchschnittsalter von 75 Jahren eingeschlossen wurden. 199 wiesen ein idiopathisches und 124 ein atypisches Parkinson- Syndrom auf, darunter Demenz mit Lewy bodies (DLB; n = 43), Multiple System Atrophie (MSA; n = 16), Progressive supranukleäre Lähmung (PSP; n = 24) kombiniert mit kortikobasaler Degeneration (CBD; n = 3) und vaskulärer Parkinsonismus (n = 38).
184 der 199 Parkinson-Patienten (92%) erhielten Dopaminergika (11% Dopaminagonisten- Monotherapie, 89% L-DopaMono-/Kombinationstherapie; durchschnittliche L-Dopa-Äquivalenz- Dosis nach 1, 3 und 5 Jahren: 353 mg, 429 mg bzw. 502 mg). 262 alters- und geschlechtsgematchte Gesunde bildeten die Kontrollgruppe.
Alle Teilnehmer wurden jährlich untersucht (und dabei auch die Diagnose überprüft). Die Nachbeobachtungszeit betrug bis zu zehn Jahre (je ca. 1340 Personenjahre). Primärparameter waren die Gesamtmortalität, die funktionelle Unabhängigkeit im Alltag (nach Schwab & England- Skala) und Pflegeheimunterbringungen.
Die Patientengruppen schnitten deutlich schlechter ab als die Gesunden, insbesondere jene mit atypischem Parkinson-Syndrom. So war die auf mögliche Einflussfaktoren adjustierte Mortalitätswahrscheinlichkeit (Tod jeglicher Ursache) innerhalb des Beobachtungszeitraums bei den Parkinson-Patienten vs. Kontrollen um fast 150% höher (Hazard Ratio: 2,49, 95%-KI: 1,72–3,58), bei den Patienten mit atypischem Parkinsonismus sogar um mehr als 500% (HR: 6,85, 95%-KI: 4,78–9,81). Die Erkrankung als unmittelbare Todesursache war mit 40% vs. 71% bei letzteren deutlich häufiger (p < 0,0001).
Die – allerdings stark vom Erkrankungsalter abhängige – mediane Überlebenszeit betrug 7,8 bzw. 2,7 Jahre. Zum Follow-up-Zeipunkt nach drei Jahren waren in der Kontrollgruppe 21% der Personen verstorben oder pflegebedürftig und 5% in einem Pflegeheim untergebracht. In der Parkinson-Gruppe waren dies dagegen 46% bzw. 15% und in der „atypischen Gruppe“ sogar 55% bzw. 96%. HL

Kommentar

Realistische Prognose-Daten ergeben sich anhand populationsbasierter inzidenter Kohorten, doch diese sind rar. In dieser unselektierten Kohorte fiel die Prognose der Parkinson- Patienten schlechter aus, als diverse klinische Studien vermuten lassen. Diese Zahlen sollte nicht zuletzt Anlass geben, die jeweilige Therapiepraxis zu überdenken (und ggf. L-Dopa früher einzusetzen). Atypische Parkinson-Syndrome verlaufen offenbar noch erheblich aggressiver.

Quelle:

Fielding S et al.: Medium-term prognosis of an incident cohort of parkinsonian patients compared to controls. Parkinsonism Relat Disord 2016; 32: 36-41

ICD-Codes: G20

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