Längsschnittstudie mit Jugendlichen | Neuro-Depesche 9/2018

ADHS-Symptome durch Social media & Co.?

Die zunehmende intensive Nutzung moderner „digitaler Medien“ einschließlich Social media steht im Verdacht, die Konzentrationsfähigkeit zu vermindern und die Ablenkbarkeit zu fördern. Jetzt ergaben sich in einer groß angelegten US-Studie ernstzunehmende Hinweise darauf, dass eine intensive Nutzung digitaler Plattformen die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von ADHS-Symptomen erhöht.

3051 Jugendliche im Alter von 15 bis 16 Jahren, die in Los Angeles County eine Highschool besuchten, wurden zwischen Sept. 2014 und Dez. 2016 zu Baseline und erneut nach sechs, zwölf, 18 und 24 Monaten befragt.
Dabei wurde zum einen die Häufigkeit der Nutzung von 14 digitalen Mediaaktivitäten pro Tag in der jeweils letzten Woche erhoben und in einem kumulativen Index (0–14) ausgedrückt. Dies waren Social Media-Plattformen, Textnachrichten, Videospiele, Blogs, Chats etc. Zum zweiten wurden sie zu 18 klassischen ADHS-Symptomen – je neun Unaufmerksamkeits- und Hyperaktivitäts-/Impulsivitäts- Symptome – in den letzten sechs Monaten befragt. Deren Häufigkeit wurde in fünf Katego-rien (niemals, selten, manchmal, oft, sehr oft) eingeteilt. Eine relevante ADHS-Symptomatik wurde konstatiert, wenn die Schüler häufig oder sehr häufig ≥ 6 Symptome in jeder Kategorie berichteten.
Zu Baseline unterhalb der ADHS-Schwelle waren nur 2587 Jugendliche (63%, 54,4% Mädchen). Häufig genutzt hatten sie durchschnittlich 3,62 digitale Plattformen. Sich auf Social Media-Seiten zu bewegen war dabei die am häufigsten genannte Aktivität (n = 1398; 54,1%). Die mediane Follow-up-Dauer betrug 22,6 Monate.
Eine intensive Nutzung digitaler Medien zu Baseline ging einher mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Symptomatik zu den Follow-up-Zeitpunkten. Für jedes zusätzlich genutzte digitale Medium erhöhte sich dabei das Risiko um 11% (Odds Ratio: 1,11; 95%-KI: 1,06–1,16). Dieser Zusammenhang war auch nach Adjustierung der Daten auf mögliche Einflussfaktoren signifikant (OR: 1,10; 95%KI: 1,05–1,15).
Eine neue ADHS-Symptomatik nach 24 Monaten stand mit der Häufigkeit des digitalen Engagement in klarer Relation: Unter den 495 Teilnehmern ohne häufige Media-Nutzung zu Baseline entwickelten eine solche Symptomatik durchschnittlich 4,6%. Unter den 114 mit sieben und den 51 mit 14 sehr häufig genutzten Aktivitäten waren dies aber mehr als doppelt so viele (9,5% bzw. 10,5%). Die Betroffenen zeigten zudem stärkere depressive Symptome und delinquentes Verhalten. JL

Kommentar

Die inzwischen fast permanent genutzten modernen digitalen Plattformen stellen eine starke „Reizquelle“ dar, gerade für die noch in der Identitätsfindung begriffenen Jugendlichen. Ob die mit der Intensität der digitalen Nutzung deutlich zunehmende Entwicklung von ADHS-Symptomen bei diesen 15- bis 16-Jährigen kausaler Natur ist, lässt sich mit diesem Studiendesign allerdings nicht beweisen. Außerdem wurden viele potenziell beitragende Faktoren, u. a. die Eltern- Kind-Beziehung, nicht berücksichtigt.


Quelle:

Ra CK et al.: Association of digital media use with subsequent symptoms of attention-deficit/hyperactivity disorder among adolescents. JAMA 2018; 320(3): 255-63

ICD-Codes: F90.0

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