Umfangreiche Metaanalyse | Neuro-Depesche 12/2016

Wie häufig ist ein Somnambulismus wirklich?

Manchmal bemerken Partner oder Eltern das Schlafwandeln, doch sehr häufig bleibt es unentdeckt. Australische Schlafforscher haben daher nach Studien zur Prävalenz des Somnambulismus gesucht und diese metaanalytisch ausgewertet.

In die Auswertung flossen die Daten von 51 Langzeit- oder Querschnittsstudien aus rund 20 Ländern mit insgesamt 100 490 Personen ein, darunter 15 Studien mit 31 108 Erwachsenen und 36 Studien mit 69 382 Kindern im Alter zwischen zwei und 18 Jahren. Die Bewertung der äußerst heterogenen Studien (Heterogenitätsindex I2 > 90%) gestaltet sich aufgrund unterschiedlicher Anzahl und Alter der Teilnehmer, Studiendesign und -länge, Definition des Schlafwandelns, (auch nicht-validierte) Befragungsinstrumente schwierig. Außerdem war das Schlafwandeln ausschließlich per Befragung (mit diversen Instrumenten) ermittelt worden.
Für die Metaanalyse wurden 23 Studien mit einer Antwortrate ≥ 70% ausgewertet. Die geschätzte Lebenszeitprävalenz lag bei 6,9% (95%- KI: 4,6–10,3) und war interessanterweise bei Kindern und Erwachsenen ähnlich. Die Prävalenz innerhalb der letzten 12 Monate war bei Kindern mit 5,0% (95%-KI: 3,8–6,5) allerdings signifikant höher als bei den Erwachsenen mit 1,5% (95%-KI: 1,0–2,3). Dies könnte methodische Gründe haben – oder aber am Rückgang der Tiefschlafphasen bei Erwachsenen liegen.
Außerdem scheinen Verheiratete (und Kinder) häufiger zu schlafwandeln als Singles. Allerdings liegt dies vermutlich daran, dass die Symptomatik einfach häufiger bemerkt wird: Denn kaum ein Schlafwandler erinnert sich an seine nächtlichen Ausflüge, es sei denn, er verletzte sich oder fände entsprechende Hinweise in der Wohnung.
Entwicklungsabhängige Veränderungen ergaben sich übrigens nicht: Zwischen dem Alter der Kinder und der Prävalenz des Schlafwandelns bestanden keinerlei Zusammenhänge. NW

Kommentar

Schlafwandeln ist eine veränderte Bewusstseinslage zwischen Wachen und Schlafen. Die Betroffenen beginnen im ersten Drittel des Nachtschlafs während des Tiefschlafs umherzugehen, zeigen oft eine starre Mimik, reagieren kaum auf Außenreize und lassen sich nur schwer wecken. Nach dem Erwachen sind sie ggf. kurz desorientiert, aber meist psychisch nicht beeinträchtigt, sie können sich aber oftmals an nichts erinnern. Das Verletzungsrisiko ist erhöht, mitunter kommt es zu fremdaggressiven Handlungen. Fördernde Faktoren sind u. a. Fieber, Stress, Alkohol und Lärm.


Quelle:

Stallman HM, Kohler M.: Prevalence of sleepwalking: a systematic review and meta-analysis. PLoS One 2016; 11(11): e0164769 [Epub 10. Nov.; doi: 10.1371/journal.pone.0164769]

ICD-Codes: F51.3

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