Tranylcypromin bei therapieresistenter Depression | Neuro-Depesche

Wertvolle Therapieoption statt „Ultima ratio“

Bei einer therapieresistenten Depression (TRD) verwenden viele Ärzte den irreversiblen, nicht-selektiven Monoaminooxidase (MAO)-A/B-Hemmer Tranylcypromin (TCP). Studiendaten sprechen dafür, dass TCP keineswegs eine „Ultima ratio“ darstellt, sondern auch sein früherer Einsatz sinnvoll sein kann. Therapiepraxis und -optionen wurden auf einem von Aristo initiierten Meet-the-Expert im Rahmen des DGPPN 2018 in Berlin diskutiert.

Bis zur Hälfte der depressiven Patienten sprechen auf den ersten Therapieversuch mit Standard-Antidepressiva nicht oder nicht ausreichend an, erläuterte Prof. Thomas Messer, Pfaffenhofen. Und bei jedem Vierten kommt zur Chronifizierung. Nicht zuletzt, weil Anzahl und Dauer von Rezidiven eng mit der gesamten Morbidität, verringerter Funktionalität und Lebensqualität sowie mit der Mortalität korrelieren, bedarf es der möglichst schnellen Initiierung einer wirksamen Behandlung.

Trotz der Vielfalt an Antidepressiva und der zahlreichen unterschiedlichen Kombinations- und Augmentationsmöglichkeiten wird immer wieder nur auf Wirkstoffe aus der gleichen Substanzgruppe gewechselt, beklagte Messer die gängige Therapiepraxis. Häufig wird eine quälende Sequenz von bis zu zehn Behandlungsversuchen durchlaufen. „Wenn mit einem Antidepressivum nach drei Wochen noch keine Erfolge zu verzeichnen sind, werden sich mit diesem in der Regel auch keine mehr einstellen“, betonte Messer in Berlin. Dann ist ein Wechsel auf ein anderes Therapeutikum anzuraten, am besten mit einem anderen Wirkprinzip.

Studienauswertungen zeigen, „dass ein Behandlungsversuch mit einem MAOA/B-Hemmer, der einen ganz eigenständigen Wirkansatz verfolgt, nicht zu spät erfolgen sollte“, hob der Experte hervor. So wurde ein gutes Ansprechen der TRD unter TCP bei 29 % - 75 %, im Mittel bei 58 %, gefunden. „Die Einordnung des MAO-A/B-Hemmers als letzte aller Möglichkeiten ist daher veraltet“, so Messer in Berlin.

Auch Befürchtungen über mangelnde Therapieoptionen nach einem etwaigen Scheitern von TCP erteilte der Psychiater eine Absage: Nicht anders als unter anderen Antidepressiva bestehen bei einer TCP-Non-Response noch gute Aussichten auf Ansprechen oder sogar Remission: Eine aktuelle Auswertung von 93 nach TCP eingesetzten Therapien ergab bei insgesamt 51,6 % eine Response – entweder mit einer TCP-Augmentation/Kombination (75 %) oder mit einer Therapie ohne TCP (26,7 %).

Gemäß Leitlinien wird TCP eingesetzt, wenn nach Vortherapie mit SSRI und SNRI die Notwendigkeit einer weiteren Eskalation besteht. Bei einer Umstellung auf TCP sollte die Kombination mit serotonerg wirkenden Antidepressiva vermieden werden, eine gemeinsame Gabe mit Trizyklika wie Amitriptylin oder Desipramin hält Messer für möglich. Wichtig ist das Einhalten einer Tyramin-armen Diät. TCP weist eine sehr kurze Halbwertszeit auf und wird nicht über das CYP-System verstoffwechselt. Zu möglichen Nebenwirkungen zählen u. a. orthostatische Dysregulation, Unruhe und Schlafstörungen. Auf der anderen Seite zeichnet sich TCP durch eine gute kardiale Verträglichkeit aus, so Messer. EKG-Veränderungen sind nicht zu erwarten, ebenso wenig wie Blutungsrisiken, wie sie unter SSRI auftreten können. Die Patienten nehmen unter TCP so gut wie nicht an Gewicht zu und es sind keine relevanten Störungen der Sexualfunktion zu erwarten. MB


Quelle: Fachpressekonferenz: „Nonresponse auf Tranylcypromin bei therapieresistenter Depression – Was nun?“, DGPPN-Kongress, Berlin, 28.11.2018; Veranstalter: Aristo Pharma

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