#MeToo im Medizinbetrieb | Neuro-Depesche 10/2018

Verstecken sich leitende Männer hinter Ängsten?

Die MeToo-Kampagne zur Verhinderung von sexuellem Missbrauch durch Männer in höheren beruflichen Positionen könnte sich gegen das akademische Fortkommen von Frauen wenden. Umfragen zufolge vermeiden immer mehr Männer in leitenden Positionen, potenzielle Mitarbeiterinnen allein zu treffen oder als Mentoren Frauen zu fördern. Dies trifft auch auf die noch von Männern dominierte Medizin zu, so nordamerikanische Ärztinnen jetzt im NEJM. Sie sind äußerst kritisch, was diese „neuen Ängste“ der männlichen Führungskräfte angeht und vermuten ganz andere Beweggründe.

Etliche Prominente wie Harvey Weinstein oder zuletzt Bill Cosby wurden durch die MeToo-Kampagne der sexuellen Belästigung, des sexuellen Missbrauchs bzw. der Vergewaltigung angeklagt. Dies wirft die breitere Frage nach institutionalisiertem Sexismus und der Diskriminierung von Frauen jenseits von Hollywood auf.
Männer reagieren auf #MeToo − in erster Näherung nachvollziehbar − mit einer neuen Angst. Eine aktuelle Umfrage (2018) von fast 3000 Angestellten in den USA ergab, dass sich viele Männer nicht (mehr) allein mit Frauen treffen − insbesondere, wenn sie diese nicht gut kennen oder wenn die Möglichkeit besteht, dass diese einmal ihnen untergeordnet angestellt arbeiten könnten. Die Befragten befürchten, dass ihre Karriere durch falsche Anklagen vernichtet werden könnte, selbst wenn am Ende ihre Unschuld erwiesen würde.
Es ist unmittelbar nachvollziehbar, dass diese Einstellung für das berufliche Fortkommen von Frauen schwerwiegende Konsequenzen haben könnte, auch und gerade in der Medizin. Im Kern geht es hier um das Mentoring, laut Lexikon eine auf die Teilnehmer fokussierte und geschützte Art der Förderung außerhalb des üblichen Führungskraft-Untergebenen-Verhältnisses, in der dem Mentee der Zugang zu Netzwerken eröffnet, ihm wichtige Entscheider vorgestellt, unausgesprochene Regeln erläutert werden etc.. Diese Beziehung setzt große Offenheit und Vertrauen voraus.
Die Autorinnen-Gruppe aus den USA und Kanada betrachtet die männlichen Furchtreaktionen nun kritisch. Die Association of American Medical Colleges berichtete, dass 2017 in den USA mit 50,7% erstmals mehr Frauen als Männer ein Medizinstudium begannen. Frauen stellen heute schon fast die Hälfte der Medizinabgänger, sind aber noch relativ selten in leitenden Positionen (z. B. sind nur 16% aller Dekane weiblich). Diese ohnehin große Lücke könnte noch wachsen, wenn männliche Mentoren sich unter Berufung auf die MeToo-Gefahren weigern, Frauen in die inneren Kreise zu berufen. Am Ende, so die Ärztinnen, könnte es darum gehen, dass Männer durch das Andrängen der Frauen in der Medizin befürchten, ihre Privilegien zu verlieren − und die MeToo-Furcht eine Pseudo-Begründung darstellt, um das Mentoring von Frauen abzulehnen und die in der Medizin endlich anstehende Gleichberechtigung nicht zu realisieren. JL

Quelle:

Soklaridis S et al.: Men’s fear of mentoring in the #MeToo era – what’s at stake for academic medicine? N Engl J Med 2018 [Epub: 3. Okt.; doi: 10.1056/NEJMms1805743]

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