Retardierte Melatonin-Minitablette für Kinder und Jugendliche | Neuro-Depesche 1/2019

Schlafstörungen bei Autismus-Spektrum-Störungen signifikant reduziert – auch Eltern profitieren

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) gehen bei Kindern und Jugendlichen häufig mit Schlafstörungen einher. Diese beeinflussen nicht nur die kognitive Leistungsfähigkeit der Betroffenen negativ – sie können auch zu einer Belastung des familiären Miteinanders und zu Beeinträchtigungen der Eltern führen. Wenn verhaltenstherapeutische Maßnahmen nicht ausreichend wirksam sind, stellt die neue retardierte Melatonin- Minitablette (Slenyto®) eine medikamentöse Therapieoption dar. Deren Wirksamkeit und Sicherheit – auch bei Langzeitanwendung – konnte in zwei Studien gezeigt werden.

Die Prävalenz der Insomnie wird in der pädiatrischen Bevölkerung mit ca. 1 bis 6 % angegeben. Bei Kindern mit neurologischen Entwicklungsdefiziten oder psy-chiatrischer Komorbidität – insbesondere Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) – liegt der Anteil mit 50 bis 80 % deutlich höher. Die Schlafstörungen wirken sich auf die kognitive Leistungsfähigkeit der Kinder aus und können den familiären Stress verstärken.
Die Erstlinientherapie der Schlafstörungen dieser Kinder besteht nach Leitlinien in schlafhygienischen Maßnahmen. Tritt darunter keine ausreichende Besserung ein, kann eine Pharmakotherapie zum Einsatz kommen. Retardiertes Melatonin in Minitablettenform ist bei Kindern und Jugendlichen mit ASS seit September 2018 in der EU zugelassen (pediatric-appropriate prolonged-release melatonin, PedPRM). In einer randomisierten, prospektiven und placebokontrollierten Doppelblindstudie (Gringas P et al.) wurde PedPRM bei 125 Kindern und Jugendlichen in 24 Zentren in den USA und Europa untersucht.
 
Längere Gesamtschlafzeit mit Melatonin-Minitablette
 
Die ASS-Patienten (mit oder ohne ADHS-Komorbidität und neurogenetischen Er- krankungen) erhielten für 13 Wochen randomisiert entweder PedPRM 2 mg/d oral (mit der Option auf Dosiserhöhung auf 5 mg) oder Placebo. Nach 13 Wochen zeigte sich eine signifikante Verlängerung der nächtlichen Gesamtschlafdauer durch PedPRM um durchschnittlich 57,5 Minuten (versus nur 9,14 Minuten mit Placebo; p = 0,034; siehe Abb. 1 links). Die mittlere Einschlaflatenz reduzierte sich mit PedPRM ebenfalls signifikant (39,6 versus 12,5 Minuten; p = 0,011).
 

 

100 % Therapieadhärenz
 
Dass PedPRM eine lang anhaltende Wirkung ohne Gewöhnungseffekt aufweist, wurde in einer weiteren Untersuchung belegt (Maras A et al.). In dieser prospektiven, offenen, multizentrischen Follow-up-Studie wurden 95 Kinder aus der zuvor beschriebenen klinischen Untersuchung für weitere 39 Wochen mit PedPRM behandelt.
Nach 52 Wochen kontinuierlicher Behandlung schliefen die Patienten unter PedPRM durchschnittlich 62,08 Minuten länger (p = 0,007; siehe Abb. 1 rechts) und schliefen im Schnitt 48,6 Minuten schneller ein (p < 0,001). Die Dauer des ununterbrochenen Schlafs stieg um 89,1 Minuten (p = 0,001), und die Häufigkeit von nächtlichem Aufwachen verringerte sich ebenfalls signifikant (-0,41 Wachepisonden, was einer mehr als 50%igen Abnahme entsprach; p = 0,001).
Über alle untersuchten Patienten hinweg (unabhängig von der Randomisierung in der initialen Doppelblind-Studie) erreichten nach 52 Wochen 76 % der Kinder und Jugendlichen eine Verbesserung der Gesamtschlafdauer und/oder der Einschlaflatenz. Auch die Zufriedenheit der Eltern mit dem Schlafmuster ihrer Kinder stieg signifikant an. Aber auch der Schlaf der Eltern profitierte von der Therapie der Kinder (Veränderung um -1,79 Punkte im Pittsburgh Sleep Quality Index; p < 0,001).
Die Therapie mit PedPRM war generell gut verträglich; die häufigsten mit der Behandlung assoziierten unerwünschten Ereignisse waren Schläfrigkkeit (5,3 %) und Stimmungsschwankungen (3,2 %). Als ein Ausdruck der guten Verträglichkeit und speziellen Formulierung der retardierten Melatonin-Minitablette kann die Therapieadhärenz von 100 % gelten. CB
 
Mit freundlicher Unterstützung der InfectoPharm Arzneimittel und Consilium GmbH, Heppenheim

Key Messages

  • Die Melatonin-Minitablette in kindgerechter retardierter Formulierung verbessert bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen und Insomnie die Einschlaf- und Gesamtschlafzeit signifikant.
  • Auch die Schlafqualität der Eltern verbessert sich signifikant.
  • Die retardierte Melatonin-Minitablette ist gut verträglich (100 % Therapieadhärenz in der vorliegenden Studie).

Quelle:

Gringras P et al.: Efficacy and safety of pediatric prolonged-release melatonin for insomnia in children with autism spectrum disorder. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2017; 56(11): 948-57

Maras A et al.: Long-term efficacy and safety of pediatric prolonged-release melatonin for insomnia in children with autism spectrum disorder. J Child Adolesc Psychopharmacol 2018; Epub Oct 11; doi: 10.1089/cap.2018.0020

ICD-Codes: F84.0

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