Aufarbeitung der Germanwings-Katastrophe 2015 | Neuro-Depesche 9/2018

Risikofaktoren für einen „Pilotensuizid“

Selbst Katastrophen, bei denen viele Menschen ihr Leben lassen, verschwinden nach der ersten Welle der medialen Ausschlachtung schnell aus dem Kollektivgedächtnis. Dies ist auch für den Germanwings-Absturz vor drei Jahren der Fall, der einen drastischen „erweiterten Suizid“ darstellt. Forscher aus dem UK setzten sich nun wissenschaftlich und systematisch mit dem Thema „Depressionen bei Piloten“ auseinander.

20 Studien mit Daten zur psychischen Gesundheit von Linienpiloten und zu „Aircraft-assisted suicide“ („Pilotensuizid“) wurden ausgewertet. Die Prävalenz einer klinisch relevanten Depressionen rangierte bei Piloten von 1,9%–12,6% und lag somit teils im Rahmen derer der Allgemeinbevölkerung (WHO-Daten: weltweit 5%), teils stark darüber. Fazit: Ein Pilotensuizid, meist ein „erweiterter Suizid“, ist insgesamt zwar ein sehr seltenes Ereignis – Depressionen bei Piloten sind es aber nicht. Und 90% aller Suizidanten leiden unter einer psychischen Erkrankung,
Weibliche Piloten sind häufiger depressiv als Männer; allerdings wurden bislang 100% aller bekannten Pilotensuizide von Männern begangen (und dies häufiger von Piloten im Alter unter 40 Jahren). Darüber hinaus konnten noch weitere Risikofaktoren für Depressionen identifiziert werden. In einer Studie erfüllten 16,2% derjenigen Piloten, die mehr als einen alkoholischen Drink pro Tag zu sich nahmen, die Kriterien einer Major-Depression. Auch sexuelle Belästigungen und Mobbing an mindestens vier Tagen pro Woche sowie der Gebrauch von Schlafmitteln und Übermüdung erhöhten das Depressionsrisiko. Piloten, die regelmäßig Sport trieben und eine im Vergleich mit anderen geringere Arbeitsbelastung aufwiesen, waren dagegen seltener psychisch krank (2,2%). Die Dauer der Berufstätigkeit und eine Gesamtflugstundenzahl von über 10 000 waren starke Risikofaktoren für emotionalen Stress und die unter Piloten überaus verbreitete Fatigue.
Eine Untersuchung ergab, dass 16% aller Pilotensuizide unter verschreibungspflichtigen Psychopharmaka begangen wurden. Eine solche Medikation, ebenso wie eine psychische Erkrankung, wurden von der großen Mehrheit zu keinem Zeitpunkt mitgeteilt. Dabei haben Psychopharmaka-Einnahmen unter Piloten nach den Ergebnissen einer Studie von 1989 bis 2013 um 583% zugenommen. CB

Kommentar

Strengere Überwachung und Regulierungen in der Luftfahrt mit früher Detektion psychischer Probleme, insbesondere Depressionen, und konsequent frühere Intervention könnten die Situation verbessern. Dazu gehört natürlich auch die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen, die sich angesichts des „coolen Pilotenimages“ in dieser stark belasteten Berufsgruppe schwierig gestalten dürfte.


Quelle:

Pasha T, Stokes PRA: Reflecting on the Germanwings disaster ... Front Psychiatry 2018; 9: 86 [Epub 20. März; doi: 10.3389/fpsyt.2018.00086]

ICD-Codes: F32.9

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