Metaanalyse zu THC- und CBD-Effekten | Neuro-Depesche 7-8/2020

Psychiatrische Nebenwirkungen nach experimenteller Gabe?

Cannabis-Präparate werden heute bei vielen Indikationen wie Epilepsie, MS, Schmerz etc. sowie in Einzelfällen (zumeist als CBD) mit gewissen Erfolgen auch bei psychischen Erkrankungen wie Depression, Angst und posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) eingesetzt. Bei generell guter Verträglichkeit dürfen psychotrope Effekte aber keinesfalls vernachlässigt werden, besonders nicht in vulnerablen Patientengruppen. Die Inzidenz psychiatrischer Symptome nach experimenteller Einzelgabe von THC und CBD war jetzt Fokus einer Metaanalyse.
Es wurden 19 bis Mai 2019 veröffentlichte Studien im Crossover- Design identifiziert, in denen gesunde Probanden THC (in 15 Studien) oder THC plus CBD (in vier Studien) meist intravenös verabreicht worden war. Psychiatrische Symptome wurden 15 bis 120 min nach Gabe mittels Brief Psychiatric Rating Scale (BPRS) und Positive and Negative Syndrome Scale (PANSS) erfasst, die Effekte als Standardized-Mean-Change(SMC)-Score ausgedrückt. Gegenüber Placebo erhöhte die Gabe von ca. 1,25 – 10,0 mg THC (in zehn Studien mit 196 Teilnehmern) mit einer hohen Effektgröße (SMC: 1,10; 95%-KI: 0,92 bis 1,28; p < 0,0001) die globale Symptomschwere signifikant. Positive Symptome (in 14 Studie mit 324 Teilnehmern) wurden mit einer SMC von 0,91 (p < 0,0001) und Negativsymptome (in zwölf Studien mit 267 Teilnehmern) mit einer SMC von 0,78 (p < 0, 0001) schwächer, aber ebenfalls signifikant verstärkt. Diese Effekte setzten auch schon nach niedrigen THC-Dosen ein. Sie waren bei intravenöser Verabreichung größer als nach Inhalation.
Im Gegensatz dazu induzierte CBD keine psychiatrischen Symptome. Allerdings fand sich auch keine Evidenz dafür, dass dieser Cannabis-Bestandteil – wie vielfach postuliert – das Auftreten psychiatrischer Symptome moderiert: Unter den vier Studien zeigte eine nur eine unter CBD eine signifikante Reduktion THCinduzierten Symptome.
In der Publikation (und auch im begleitenden Kommentar) werden lediglich die SCM-Effektstärken, aber an keiner Stelle die BPRS- und PANSS-Scores genannt, so dass das Ausmaß der Symptome kaum einzuschätzen ist – zumal es sich bei den Teilnehmern um psychiatrisch unbelastete Patienten handelt.. HL

Kommentar

Psychotische Symptome oder eine Erstpsychose bei Cannabis- Konsumenten, insbesondere bei disponierten jungen Menschen, wurden mehrfach dokumentiert. Die ärztliche Verordnung von THC-enthaltenden Arzneien bei speziellen Indikationen im Erwachsenenalter stellt ein anderes Setting dar. Hier dürften Halluzinationen und andere ernste psychiatrische Symptome relativ selten sein, wenngleich dies durch gezielte Untersuchungen noch zu beweisen wäre. Wie auch immer, die Autoren warnen davor, THC leichtfertig zu konsumieren bzw. zu verschreiben.
Quelle: Hindley G et al.: Psychiatric symptoms caused by cannabis constituents: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry 2020; 7(4): 344-53

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