Medizinisches und nicht-medizinisches Cannabis | Neuro-Depesche 5/2016

Legalize it! Oder doch lieber nicht?

Für schwer kranke Patienten ohne Therapiealternativen soll medizinisches Cannabis hierzulande ab 2017 erhältlich sein (und erstattet werden). Zu „Genuss- und Rauschzwecken“ soll es tabu bleiben. Nach einigen US-Bundesstaaten ist nun Kanada im Begriff, Cannabis als Genussdroge zu legalisieren. Worum kreist die aktuelle Diskussion?

Die wesentlichen Fragestellungen thematisiert jetzt ein Psychiater aus Montreal. Auf der positiven Seite steht, dass für die Wirksamkeit von Cannabis bei einigen Indikationen „eine gute Evidenz“ besteht. Dazu gehören Übelkeit, diverse Schmerzformen und Spastik (z. B. bei MS). Die Wirkung bei anderen Krankheiten sei eher „anekdotisch“.
Dem steht entgegen, dass chronischer Cannabis-Konsum Studien zufolge zu kognitiven Beeinträchtigungen und – bei bis zu 15% der Konsumenten – zur Abhängigkeit führen kann. Bei schwerstem Konsum (elf Joints täglich über zehn Jahre) können bei Abstinenz leichtere kognitive und psychomotorische Störungen über Wochen anhalten. Darüber hinaus wurde von morphologischen und funktionellen Hirnveränderungen berichtet. Die größten Befürchtungen bei einer Legalisierung betreffen die Induzierung von Psychosen und die Verdoppelung von Verkehrsunfällen unter Cannabis-Einfluss.
Von einem ungefährlichen Konsum kann also keine Rede sein, so das Fazit. Doch wie groß sind die Gefahren, und wie geht die Gesellschaft mit Gesundheitsrisiken um, denen sich ihre Mitglieder freiwillig und bewusst aussetzen? Etwa 9000 Personen müssten auf den Konsum verzichten, um eine Cannabis-induzierte Schizophrenie zu verhindern. Das ist viel. Der massenhafte Alkoholkonsum mit ihren deletären Gesundheitsfolgen (Unfallrisiko verzehnfacht, Krebs, andere körperliche Erkrankungen, Abhängigkeit) ist das eindrücklichste Vergleichsbeispiel, risikoreiche Sportarten sind andere. Für die Sorge, dass Kinder vermehrt konsumieren könnten, besteht keine Evidenz. Das Gegenteil könnte wahr sein: Straßendealer fragen nicht nach dem Alter und wollen keinen Ausweis sehen. Hinzu kommt der definierte Gehalt an den Inhaltsstoffen THC und CBD, wenn Cannabis kontrolliert vertrieben wird.
Insgesamt könnte die Entkriminalisierung des Konsums individuelle und gesellschaftliche Vorteile haben, wie die Erfahrungen aus den Niederlanden und Tschechien nahelegen. Nicht zuletzt sind durch Entlastung von Polizei und Justiz sogar Einsparungen zu erwarten. Grundsätzlich zu fragen ist, wie sehr die Gesetzgebung die Freiheit des Individuums, sich Risiken auszusetzen, beschränken darf, sollte oder muss. JL

Kommentar

Die Legalisierung ist ein Topthema: Im April 2016 fand eine Sondersitzung der UN-Generalversammlung zum weltweiten Drogenproblem statt. Zur notwendigen Modernisierung des Cannabis-Rechts haben sich zahlreiche Organisationen geäußert, so die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD), die DG-Sucht, DGS und DGPPN. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) fordert dazu eine Enquete-Kommission.

Quelle:

Leyton M: Legalizing marijuana. J Psychiatry Neurosci 2016; 41(2): 75-6]

ICD-Codes: J66.2

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