Neurologische Manifestationen von COVID-19 | Neuro-Depesche 9/2020

Inzidenz und Mortalität von Hirnblutungen

Die Studienliteratur zu den Infektmechanismen und klinischen Konsequenzen der COVID-19-Erkrankungen wächst rasch. Immer mehr Berichte befassen sich mit dem Befall des ZNS und neurologischen Manifestationen, auch bei jungen Menschen. Jetzt veröffentlichten Neurologen aus New York City retrospektive Daten zur Inzidenz von Hirnblutungen und der Mortalität bei COVID-19-Infizierten.
Unter 5.227 behandelten Patienten mit Virusnachweis hatten 35 eine Hirnblutung. Diese wurde der Bildgebung nach in fünf Kategorien eingeteilt: Akutes subdurales Hämatom (SDH), subarachnoidale (SAH), multikompartimentelle (MCH), multifokale (MFH) und fokale intrazerebrale Blutung (fICH). Das Durchschnittsalter betrug 67 Jahre, 40 % waren Frauen. In 13 Fällen war die Blutung traumatisch bedingt.
68,6 % der 35 Patienten zeigten schon in der Notaufnahme neurologische Symptome (u. a. Schwindel, Gleichgewichtsstörungen), 31,4 % der Patienten entwickelten diese als stationäre Patienten später. Bei 31,4 % der Patienten bestanden bei Aufnahme auch schwere pulmonale COVIDSymptome mit Beatmungspflichtigkeit. In dieser Kohorte von 35 Patienten verstarben insgesamt 16 Patienten, die Gesamtmortalität bezifferte sich also auf 45,7 %. In aufsteigender Folge betrug die Sterblichkeitsrate bei SDH 35,3 % (n = 6), bei fICH 40 % (n = 2), bei SAH 50 % (n = 1), bei MFH 50 % (n = 2) und bei MCH 71,4 % (n = 5).
 
Risikofaktoren für die Mortalität
Die auf Variablen wie BMI, Blutdruck etc. adjustierte Sterbewahrscheinlichkeit betrug bei Patienten mit schwerer pulmonaler COVID, die beatmet werden mussten, gegenüber den übrigen etwa das Zehnfache (Odds Ratio: 10,24; p = 0,015). Sie war bei Patienten mit einer INR > 1,2 am Tag des hämorrhagischen Ereignisses um den Faktor 14 erhöht (OR: 14,36; p = 0,015). Außerdem hatten jene mit einer spontanen (vs. traumatischen) Blutung ein ca. sechsfach erhöhtes Mortalitätsrisiko (OR: 6,11; p = 0,023). HL

Kommentar

Nach diesen Daten sind Hämorrhagien eine seltene, aber ernste Symptomatik, mit der sich eine COVID-19-Erkrankung manifestieren kann. Primäre Lungensymptome müssen dabei, betonen die Autoren, nicht notwendigerweise vorliegen. Das COVID-19-Virus bindet an vaskulären Endothelzellen (ACE2- Rezeptor) mit der Folge, dass der Blutdruck stark steigen kann. Zusammen mit Thrombozyten- und Gerinnungsstörungen kann sich das Risiko einer intrakraniellen Blutung so deutlich erhöhen.
Quelle: Altschul DJ et al.: Hemorrhagic presentations of COVID-19: Risk factors for mortality. Clin Neurol Neurosurg 2020 [Epub 26. Juli; doi:10.1016/j. clineuro.2020.106112]

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