Säuglinge mit NGS-identifizierter SMA: | Neuro-Depesche 5-6/2020

Expertenkonsens: Wann behandeln, wann abwarten?

Eine Expertengruppe aus universitären Zentren, Familienstiftungen und der pharmazeutischen Industrie erzielte in einem modifizierten Delphi-Verfahren einen Konsens über einen Behandlungsalgorithmus für Säuglinge, bei denen durch ein Neugeborenen-Screening (NGS) eine spinale Muskelatrophie (SMA) diagnostiziert wurde.
Bezugnehmend auf den publizierten Behandlungsalgorithmus (J Neuromuscul Dis, 2018) kam das 15-köpfige Gremium in folgenden Empfehlungen überein:
A) Säuglinge mit 2 oder 3 Kopien von SMN2 (und einer vorhergesagten SMA Typ 1 oder 2) sollten sofort eine „SMN-hochregulierende“ Therapie erhalten.
B) Bei symptomatischen Neugeborenen mit nur 1 SMN2-Kopie (und vorhergesagter SMA Typ 0) sollte der behandelnde Arzt die Beurteilung des Behandlungsnutzens aufschieben, eine sofortige, echt präsymptomatische Therapie wird dringend empfohlen.
C) Für Säuglinge mit 4 SMN2-Kopien (vorhergesagter SMA Typ 3 oder 4) waren die Experten geteilter Meinung, erreichten jedoch einen Konsens: Danach wurde keine sofortige Behandlung, aber eine sorgfältige Nachverfolgung bei einem neuromuskulären Spezialisten befürwortet, bei dem sich SMA-Mutationen und SMN2- Kopienzahl identifizieren lassen.
Bei diesen Kindern sollten die Visiten bis zum Alter von zwei Jahren alle 3 bis 6 und danach alle 6 bis 12 Monate stattfinden. Dabei sollten u. a. geeignete Untersuchungen wie Elektromyographie (EMG), zusammengesetzte Muskelaktionspotentiale (CMAP) und Myometrie sowie etablierte motorische Funktionsskalen angewendet werden. Einen Behandlungsbeginn veranlassen sollten dabei u. a. akute oder dauerhafte Veränderungen von EMG, CMAP und andere, nicht altersgerechte Befunde wie Verlust von Reflexen, Nichterreichen oder Verlust motorischer Meilensteine etc. sowie auffällige Werte auf den Beurteilungsskalen.
Darüber hinaus wurde für die Eltern von Kindern mit NGS-diagnostizierter SMA eine Checkliste empfohlen: Auffällige Veränderungen der aufgeführten Kernmerkmale sollten zu einer sofortigen Neubewertung durch einen Spezialisten führen. HL
Prämisse der Empehlungen war, dass 95 % der SMA-Fälle auf eine homozygote Deletion von SMN1 zurückzuführen sind und dass die Krankheitsschwere durch die Anzahl der Kopien des Paralogs SMN2 gemildert wird. In kontrollierten Studien wurde bei Patienten mit 2 SMN2-Kopien nachgewiesen, dass eine frühere Behandlungseinleitung zum vermehrten Erreichen motorischer Meilensteine führen und einen Überlebensvorteil bieten.
Quelle: Lopez-Chacon M et al.: Spinal muscular atrophy diagnosed by newborn screening. Pediatr Neurol Briefs 2019; 33: 5 [Epub 31. Dez.; doi: 10.15844/ pedneurbriefs-33-5]
ICD-Codes: G12.9

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