Kommunikation | Neuro-Depesche 11/2014

Die Signale des Schmerzes verstehen

Je genauer der Patient über seinen Schmerz berichtet, desto besser kann ihm der Arzt helfen. Gesten können über die verbale Information hinaus wertvolle Informationen liefern – für den, der sie versteht.

Relevant für die Therapie können viele Aspekte des Schmerzes sein, wie beispielsweise Intensität und Lokalisation des Schmerzes, Schmerzart und individuelle Empfindung, Beginn und Dauer, bisherige Schmerztherapien, Begleitsymptome und Ausmaß der Beeinträchtigung des Lebens. Psychologen und Psycholinguisten aus Manchester, Leeds und Nijmegen unterteilen die Verständigung über Schmerz in drei Stadien: (A) das Schmerzempfinden als solches, (B) die Botschaft des Betroffenen darüber und (C) die Information, die der Empfänger (Arzt) daraus ableitet. Für die Schmerzbotschaft nutzen die Patienten verschiedene Modalitäten, zu denen nicht nur das Reden darüber (sozusagen der Goldstandard der Schmerzkommunikation), sondern auch Verhaltensweisen (z. B. Lageänderungen) und das Reden begleitende Gesten (etwa die Mimik) gehören. Studien der letzten Zeit zeigten, dass das Ausmaß der verbalen und der nonverbalen Äußerungen über Schmerz mit der Schmerzintensität korreliert (mehr Schmerz – mehr Wörter und Gesten). Diesen Zusammenhang untersuchte die britisch-holländische Arbeitsgruppe genauer. Dazu diente ein Experiment mit induziertem Schmerz (Druck auf das Fingernagelbett) in hoher bzw. niedriger Intensität bei 26 freiwilligen Probanden. Diese drückten ihre Empfindungen in einem semistrukturierten Interview aus, das als Video aufgezeichnet wurde. Die Probanden fanden es schwierig, stärkeren Schmerz adäquat zu kommunizieren; es zeigte sich jedoch eindeutig, dass sie in diesem Fall mehr Wörter gebrauchten und mehr die verbalen Äußerungen begleitende Gesten produzierten. Die Unterschiede in den Äußerungen zwischen leichtem und starkem Schmerz waren signifikant, aber doch relativ geringgradig, sodass die Autoren nicht sicher sind, dass ein normaler Beobachter (Arzt) sie eindeutig erkennen würde. Weitere Einschränkungen der Ergebnisse resultieren aus der Tatsache, dass die meisten Probanden und die Untersucher weiblich waren (Frauen vertrauen Frauen mehr über ihren Schmerz an als Vertretern des anderen Geschlechts). Noch wichtiger dürfte der Unterschied zwischen der experimentellen Situation und der medizinischen Realität sein: Wirkliche Schmerzpatienten sind oft in ihren verbalen und nonverbalen Ausdrucksmöglichkeiten beeinträchtigt, sodass sie sich anders oder gar nicht äußern. Die Eloquenz über Schmerz ist dann kein Maßstab für dessen Intensität. Offen blieb auch die Frage, ob die vermehrten Äußerungen bei stärkerem Schmerz auch ein Mehr an Informationen transportieren. Über die Schmerzkommunikation gibt es offensichtlich immer noch sehr viel zu lernen. WE

Quelle:

Rowbotham S et al.: Increased pain intensity is associated with greater verbal communication difficulty and increased production of speech and co-speech gestures. PLoS One 2014; 9(10): e110779

ICD-Codes: R52.9

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