53. Jahrestagung der DGfE, Jena, 2. bis 5. März | Neuro-Depesche 5/2016

„Der Nachwuchs gestaltet mit"

Über vier Tage tauschten sich Anfang März auf der 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie (DGfE) in Jena etwa 950 Epileptologen und Epilepsie-Interessierte über die aktuellen Entwicklungen aus. Ergänzt wurde das Programm durch einen „Patiententag“, den rund 150 Besucher nutzten. Tagungspräsident Prof. Ulrich Brandl freute es, „dass vor allem der wissenschaftliche Nachwuchs mit fast 70 eingereichten Beiträgen das Programm maßgeblich mitgestaltete“.

Es fanden mehr als 30 wissenschaftliche Symposien statt. Hier eine Auswahl von Inhalten aus Freien Vorträgen und (teils prämierten) Postern.

Pharmakoresistente Patienten in Studien unterrepräsentiert

Trotz etlicher neuer Antiepileptika ist der Anteil an pharmakoresistenten Epilepsien nahezu gleich geblieben. Wie Neurologen des Epilepsiezentrums Kork berichteten, erfassen zulassungsrelevante Studien mit neuen Antiepileptika nur einen Bruchteil der pharmakoresistenten Patienten. Sie werteten daher nun bei 216 Patienten die Rekrutierbarkeit anhand der üblichen Einund Ausschlusskriterien (aus fünf multizentrischen, placebokontrollierten Add-on-Zulassungsstudien bei Erwachsenen mit pharmakoresistenten fokalen Epilepsien) aus. Danach wären in der Tat nur 16 Patienten (7,4%) für alle fünf Studien einschließbar gewesen. Die drei Hauptgründe dafür waren Therapie mit enzyminduzierenden Antiepileptika (47,2%), eine zu niedrige Anfallsfrequenz während der Screeningphase (46,3%) und EEG-Zeichen einer generalisierten Epileptogenese (31,5%). Dies ist einerseits bedauerlich, da die pharmakoresistenten Patienten ja jene sind, die neue Medikamente am dringendsten benötigen würden, und andererseits vielleicht eine Erklärung dafür, warum in Studien sehr wirksame Medikamente im Behandlungsalltag oft enttäuschen.

Prächirurgische Diagnostik immer häufiger – Op-Zahlen konstant

Bielefelder Epileptologen zeigten in einer Auswertung von 3060 prächirurgischen Evaluationen am Epilepsiezentrum Bethel (1990–2013), dass diese Untersuchungen immer häufiger durchgeführt werden, aber mit einer sinkenden Zahl tatsächlich erfolgender operativer Eingriffe einhergehen. Stieg diese Rate bis 2002 noch an, ging sie in allen späteren Vierjahreszeiträumen zurück – und betrug zuletzt (erstmals) < 50%, so das Hauptergebnis des in Jena prämierten Posters. Die beiden häufigsten Gründe dafür waren die fehlende Identifikation einer umschriebenen epileptogenen Zone (40,5%) und die Ablehnung der Op durch den Patienten (32,9%). Dies spricht dafür, so die Forscher, dass die Indikationsstellung über lange Jahre stabil ist. Andererseits wird „die prächirurgische Diagnostik damit mehr und mehr zu einem Standard der epileptologischen Aufarbeitung pharmakoresistenter Patienten“. Auch weniger aussichtsreiche Epilepsien und weniger entschlossene Patienten werden evaluiert. Die invasiven Ableitungen stiegen im Beobachtungszeitraum ebenfalls deutlich an (2002–05 vs. 2010–13: 5,8% vs. 20,5%).

Langzeittherapie bleibt wirksam

Unter dem provokanten Titel „Machen Antiepileptika langfristig krank?“ schilderten Epileptologen aus Kehl-Kork die Ergebnisse ihrer prospektiven Auswertung zur Langzeitprognose von 200 Epilepsie-Patienten, die über eine Behandlungszeit von 25–51, durchschnittlich 36 Jahre zumeist Levetiracetam, Valproinsäure und Lamotrigin erhalten hatten. Danach erreichten 60% eine Anfallsfreiheit von mehr als einem Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, anfallsfrei zu werden, war bei Einnahme (Lebenszeit) von maximal fünf Antiepileptika deutlich höher als bei jenen, die insgesamt mehr als fünf AED eingenommen hatten (85% vs. 36%; p < 0,05). Eine bessere Anfallskontrolle korrelierte mit höherer Schulbildung bzw. beruflicher Qualifikation und dem Beschäftigungsstatus. Müdigkeit, Gangstörungen und Schwindel waren die häufigsten Störwirkungen. Die Neurologen heben hervor, dass die viele Jahre bestehende Epilepsie und die langjährige Antiepileptika- Behandlung bei anfallsfreien Patienten nicht zu einer erkennbar erhöhten Morbidität führen.

JAE, JME, EGMA über 43 Jahre

Aus der Charité berichten Ärzte von den positiven Langzeitergebnissen der Berliner „Janz-Kohorte“ zu juvenilen idiopathisch generalisierten Epilepsien. Der Verlauf von 53 Patienten mit juveniler Absencen-Epilepsie (JAE), 66 mit juveniler myoklonischer Epilepsie (JME) und 42 mit einer Epilepsie mit Aufwach-Grand Mal (EGMA) wurde nach einer Krankheitsdauer von durchschnittlich 43 (±13) Jahren retrospektiv ausgewertet. Am Ende erreichten 57% (JAE), 59% (JME) bzw. 62% (EGMA) der Patienten eine mindestens fünfjährige terminale Anfallsfreiheit. Dabei nahmen noch 85% (JAE), 82% (JME) bzw. 79% (EGMA) Antikonvulsiva ein. Unter den Patienten mit Absetzversuch (JAE, JME je 29%; EGMA 46%) erlitten signifikant weniger JME-Patienten einen Rückfall (21%) als Patienten mit einer JAE oder EGMA (67% bzw. 63%) (p = 0,05).

Alzheimer und Epileptogenese

Den Posterpreis des Fördervereins Epilepsieforschung an der Universität Münster e.V. erhielten Münchener Autoren. Sie wiesen in ihrer Analyse des Proteoms von Hippokampus und parahippocampalem Cortex (PHC) an Ratten mit SE nach, dass in der Latenzphase der experimentellen Epileptogenese molekulare Veränderungen auftreten, die eine Alzheimer-typische Hirnpathologie induzieren können. Dies betrifft insbesondere die Regulation der Proteine ApoE und ADAM17 sowie prominente mitochondriale Dysregulationen – u. a. Proteine des Komplexes I (NADH-Dehydrogenase) und V (ATP-Synthase) in der SE-Latenzphase. Die Herabregulation von tau-Protein und a-Synuclein zehn Tage post SE könnte z. B. Teil endogener Regulationsmechanismen sein, die spontane epileptische Anfälle verzögern. Die funktionelle Bedeutung dieser Proteine muss noch untersucht werden.
Die 54. Gemeinsame Jahrestagung der Deutschen und Österreichischen Gesellschaften für Epileptologie sowie der Schweizer Epilepsie-Liga findet vom 3. bis 6. Mai 2017 in Wien statt. JL

ICD-Codes: G40

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