Psychiatrische Komplikationen der THS | Neuro-Depesche 5-6/2017

CAVE: Kognitive Probleme und Depression

Die tiefe Hirnstimulation (THS) – zumeist des Nucl. subthalamicus (STN) oder des Globus pallidus - pars interna (GPi) – verbessert die motorischen Parkinson- Symptome fortgeschritten erkrankter Patienten oft dramatisch, aber Studien zufolge kommt es nicht selten auch zu Nebenwirkungen. Mit den psychiatrischen Problemen im Anschluss an eine THS befassten sich nun US-Psychiater in einer Literaturübersicht.

Der STN umfasst dorsolaterale, ventromediale und anteromediale Regionen, die mit den motorischen, assoziativen und limbischen Funktionen in Verbindung stehen. Gerade die THS des ventromedialen STN könnte vermehrt depressive oder manische Symptome hervorrufen.
Die Studienlage ist heterogen. In einem Review von 82 Publikationen an insgesamt 1398 Patienten fand sich nach einer THS vor allem eine beeinträchtigte Kognition (41%). Doch ein nicht unerheblicher Anteil der Patienten entwickelte auch eine Depression (8%), Hypomanie (4%) oder Angststörung (2%). Darüber hinaus wurden auch Suizidversuche (0,4%) beobachtet sowie Persönlichkeitsveränderungen, Hypersexualität, Apathie und aggressives Verhalten (je ca. 0,5%). In einer zweiten Studie an 39 Patienten hatten sich nicht die körperlichen, wohl aber die kognitiv-emotionalen Symptome der Depression verschlechtert.
Unerwünschte Verhaltensänderungen waren in einer prospektiven Vierjahresstudie (n = 49) unter einer STN- häufiger als unter einer GPi-THS (53% vs. 35%). Die Betroffenen hatten eine größere Parkinson-Schwere, vor allem aber mehr psychiatrische Symptome zu Baseline. Und eine Metaanalyse von sechs Studien (n = 563) zeigte stärkere Besserungen der Depression unter der GPi-THS. Andere Studien jedoch ergaben keinen Unterschied zwischen den beiden Verfahren.
Unklar sind auch die Effekte der STN-THS auf vorbestehende Impulskontrollstörungen, die sich in Studien verbesserten, verschlechterten oder gleichblieben. Zunehmenden Ärger auf einer Visuell-Analog-Skala empfanden Parkinson- Patienten in einer open-label Studie (22) nach unilateraler STN-THS (n = 195) oder GPi-THS (n = 56) sowie Patienten mit essenziellem Tremor (n = 71) nach einer THS des thalamischen Nucleus ventralis intermedius (VIM) – auch bei abgeschalteter Stimulation, so dass die Läsionierung die Ursache zu sein scheint.
Psychiatrische Vorerkrankungen erhöhen das Risiko psychiatrischer Komplikationen – und relevante Residualsymptome psychischer Krankheiten sind ebenso eine Kontraindikation für die THS wie eine demenzielle Erkrankung. Eine prämorbide Abnahme des IQ um mehr als eine Standardabweichung spricht für einen neurodegenerativen Prozess und eine große Suszeptibilität für eine weitere IQ-Verschlechterung nach der THS. HL

Kommentar

Für die häufigen Veränderungen von Kognition, Stimmung und Verhalten nach einer THS scheint eine Vielzahl von Faktoren verantwortlich zu sein: Neben Elektroden-Platzierung, Stimulationsparametern, dopaminerger Medikation etc. erhöhen anscheinend vor allem psychiatrische Vorerkrankungen die Risiken.

Quelle:

Davis RA et al.: Disambiguating the psychiatric sequelae of Parkinson‘s disease, deep brain stimulation, and life events: case report and literature review. Am J Psychiatry 2017; 174(1): 11-5

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