Morbus Huntington | Neuro-Depesche 7-8/2020

Blutdrucksenker modulieren den Verlauf

Bei Patienten mit der (monogen bedingten) Huntington-Krankheit wurde in der Vergangenheit von autonomen und vaskulären Anomalien berichtet. Anhand der weltweit größten Huntington-Beobachtungsstudie untersuchte ein britisches Team jetzt die Zusammenhänge zwischen Hypertonie bzw. Antihypertensiva-Einnahme und dem Schweregrad bzw. Fortschreiten der neurodegenerativen Erkrankung.
Die Basis bildeten die Längsschnittdaten von 14.534 Patienten mit prämanifester oder manifester Huntington-Krankheit. Deren Schwere und Progression wurden u. a. anhand des Total Motor Scores (TMS), der Total Functional Capacity (TFC; Bewältigung von Arbeit und Alltag) und den kognitiven Domänen der Unified Huntington’s Disease Rating Scale (UHDSRS) charakterisiert. Der Beobachtungszeitraum betrug bis zu 2.184 Tage, im Mittel 468 (± 464) Tage. 2.248 Teilnehmer (15,5 %) hatten die ICD-10-Diagnose einer essenziellen Hypertonie, und 1.697 von ihnen (75,5 %) wurden gegenwärtig Blutdrucksenker verschrieben. Mittels Propensity Score Matching wurden normo- und hypertensive Teilnehmer hinsichtlich Alter, Geschlecht, Body Mass Index, Ethnie, CAG-Länge des Huntington-Gens etc. vergleichbar gemacht.
 
Negative Hypertonie-Effekte
Im Vergleich mit den (Huntington-Gennegativen) Kontrollen wiesen die Huntington- Patienten deutlich seltener eine Hypertonie auf (13,8% vs. 19,3%). Litten die Patienten allerdings unter einem hohen Bluthochdruck, waren sie gegenüber den normotensiven Patienten kognitiv stärker beeinträchtigt, nach der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) depressiver und verschlechterten sich motorisch schneller.
 
Besser mit Antihypertensiva
Nahmen hypertensive Patienten jedoch Blutdrucksenker ein, zeigten sie weniger motorische, kognitive und funktionelle Beeinträchtigungen als jene mit unbehandeltem Hochdruck. Bspw. war der TMS bei unbehandelten Hypertonikern um durchschnittlich 3,51 höher als bei behandelten (p = 0,019) sowie um 3,17 Punkte höher als bei normotensiven Patienten (p = 0,021). Erstaunlicherweise war er zwischen behandelten Hypertonikern und Normotensiven nicht signifikant unterschiedlich (0,34 Punkte, p = 0,89).
 
Erkrankungsalter
Wider Erwarten erkrankten hypertensive Huntington-Patienten durchschnittlich 2,04 Jahre später als normotensive (p < 0,0001) – und behandelte 2,25 Jahre später als unbehandelte (p = 0,004). Letztere unterschieden sich im Erkrankungsalter nicht signifikant von denen ohne Hochdruck (0,22 Jahre, p = 0,94).
Die Klasse des Antihypertensivums nach ATC-Schema (ACE-Hemmer, Betablocker, Diuretika etc.) h atte k einen Einfluss auf den TMS (p = 0,68), das Alter zu Krankheitsbeginn (p = 0,26), TFC (p = 0,10), Depression (p = 0,78), Angst (p = 0,32) oder kognitive Testleistungen (je p > 0,05). JL

Neue Erkenntnisse

Dass sich Bluthochdruck und Blutdrucksenker- Einnahme bei Huntington- Patienten auf Erkrankungsalter und klinischen Verlauf auswirken, ist eine neue Erkenntnis. Ob Antihypertensiva einen symptomatischen oder sogar krankheitsmodifizierenden Nutzen haben, sollte näher geprüft werden.
Quelle: Steventon JJ et al: Hypertension, antihypertensive use and the delayed-onset of Huntington’s disease. Mov Disord 2020; 35(6): 937-46
ICD-Codes: G10

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