Neuro-Depesche 9/2017

60 Jahre Placebo-kontrollierte Studien mit Antipsychotika

Was ist heute gesichert, was nicht?

Anhand einer groß angelegten systematischen Übersicht und (Bayesian-)Metaanalyse aller randomisierter, kontrollierter Doppelblindstudien der letzten 60 Jahre wurde jetzt die Wirksamkeit von Antipsychotika bei Patienten mit akuter schizophrener Psychose untersucht. Hat sich in dieser Zeit etwas verändert? Wir wirksam sind Antipsychotika?

Ausgewertet wurden 167 randomisierte, kontrollierte Doppelblindstudien mit insgesamt 28 102 überwiegend chronisch erkrankten Patienten. In ≥ 5 Studien eingesetzt wurden Chlorpromazin (n = 36), Haloperidol (n = 28), Olanzapin (n = 20), Risperidon (n = 15), Quetiapin (n = 8), Paliperidon (n = 8), Aripiprazol (n = 9), Thioridazin (n = 7), Lurasidon (n = 7), Asenapin (n = 6) und Loxapin (n = 6), die übrigen Antipsychotika in jeweils < 5 Studien.
Die Wirksamkeit der antipsychotischen Therapie wurde anhand etablierter Skalen wie der Positive and Negative Syndrome Scale (PANSS) oder der Brief Psychiatric Rating Scale (BPRS) erfasst. Für die Ermittlung der Responderraten wurde zusätzlich die Clinical Global Impressions Scale (CGI) herangezogen.
Ein „minimales Ansprechen“ (Reduktion der PANSS/BPRS-Werte ≥ 20% oder zumindest leichte CGI-Verbesserung) zeigten 51% unter Verum, 30% unter Placebo. Eine „gute Response“ (Reduktion der PANSS/BPRS-Werte ≥ 50% oder zumindest starke CGI-Verbesserung) zeigten 23% unter Verum, 14% unter Placebo. Die entsprechende Number needed to treat (NNT) lag bei 5 bzw. 8. Die Gesamtwirksamkeit nach der „Standardized mean difference“ (SMD) betrug 0,47, nach Adjustierung auf Studiengröße und „Publication bias“ 0,38.
Wie erwartet gingen die positiven Symptome (SMD: 0,45) stärker zurück als die negativen (SMD: 0,35) und die depressiven Symptome (SMD: 0,27). Schon nach der Kurzzeittherapie besserten sich unter der antipsychotischen Medikation Lebensqualität (sechs Studien; SMD: 0,35) und Funktionsniveau (zehn Studien; SMD: 0,34) stärker als unter Placebo.
In den Nebenwirkungen (unter Verum deutlich häufiger: Bewegungsstörungen, Sedierung, Gewichtszunahme, Prolaktinanstieg, QTc-Verlängerungen) unterschieden sich die verschiedenen Wirkstoffe erheblich. Die Gesamt- Abbruchrate war mit durchschnittlich 37,2% hoch, wobei mehr Patienten der Placebogruppen vorzeitig ausschieden (56% vs. 38%), wegen mangelnder Wirksamkeit sogar doppelt so viele (26% vs. 13%).
Die Effektgrößen nahmen über die Jahre ab. Die Ansprechraten waren stabil, die Response- Prädiktoren veränderten sich jedoch: Die multivariable Metaregressionsanalyse zeigte, dass neben zunehmenden Placeboansprechraten lediglich das Industrie-Sponsoring ein signifikanter Prädiktor der Effektgröße war. HL

Kommentar

Für diese umfassende Metaanalyse wurden alle Antipsychotika-Studien seit Einführung von Chlorpromazin berücksichtigt. Auf Antipsychotika sprechen generell etwa doppelt so viele Patienten an wie auf Placebo (die NNT’s sind vergleichsweise günstig), doch nur knapp ein Viertel erzielt eine „gute Response“. Hier ist also noch „Luft“...


Quelle:

Leucht S et al.: Sixty years of placebo-controlled antipsychotic drug trials in acute schizophrenia: systematic review, bayesian meta-analysis, and meta-regression of efficacy predictors. Am J Psychiatry 2017 [Epub 25. Mai; doi: 10.1176/appi.ajp.2017.16121358]



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