Neuro-Depesche 7-8/2017

Hämodynamik in der Nahinfrarot-Spektroskopie (NIRS)

Unterschiedliche Effekte von ATX und MPH im Präfrontallappen

Das Stimulans Methylphenidat (MPH) und das Nichtstimulans Atomoxetin (ATX) sind die am häufigsten eingesetzten ADHS-Medikamente, ihre Wirkweise ist aber im Detail noch nicht erschlossen. Jetzt wurden in Japan Effekte beider Medikamente auf die präfrontale Hämodynamik mithilfe der Nahinfrarot-Spektroskopie (NIRS) untersucht.

MPH und ATX scheinen ihre Wirkung vor allem im Präfrontalkortex (PFC) zu entfalten. MPX wirkt als indirekter Dopamin (DA)-Agonist, indem es die DA-Wiederaufnahme über eine Besetzung des DA-Transporters hemmt, und inhibiert zusätzlich auch den Noradrenalin (NA)-Transporter (in NA-Transporter-reichen Regionen wie dem PFC). ATX ist ein selektiver NA-Reuptake-Inhibitor (NARI), der zugleich aber auch die DA-Wiederaufnahme im PFC hemmt. Beide erhöhen also die DAund NA-Spiegel im PFC; das dort lokalisierte Netzwerk von Pyramidenzellen ist an der Regulation der Aufmerksamkeit maßgeblich beteiligt. Bei Kindern mit einer ADHS wurde in Studien eine reduzierte hämodynamische Response im PFC festgestellt.
Der 24-Kanal-NIRS (ETG-4000) unterzogen sich 30 therapienaive Kinder mit einer ADHS im Durchschnittsalter von 8–10 Jahren. Gemessen wurden die relativen Oxyhämoglobin (oxy-Hb)-Konzentrationen (alle 0,1 s) in den Frontallappen während eines Stroop color word Tests – zunächst unbehandelt und dann nach einer jeweils zwölfwöchigen Behandlung mit MPH (n = 16) oder ATX (n = 14). Die klinische Symptomatik wurde mit der japanischen ADHD Rating Scale (ADHD RS-IV-J) ermittelt.
Ohne signifikante Unterschiede zwischen den Medikationen gingen die ADHS-Symptome sowohl unter MPH als auch ATX signifikant zurück – insgesamt und nach den ADHD RS-IV-J-Subskalen für Unaufmerksamkeit und für Hyperaktivität. Zugleich besserte sich unter beiden die Zahl korrekter Wörter im Stroop-Test. Veränderungen der präfrontalen oxy-Hb-Spiegel gegenüber Baseline fanden sich allerdings nur bei den mit ATX behandelten Kindern, während sich in der MPH-Gruppe praktisch keine Unterschiede gegenüber der Voruntersuchung feststellen ließen. In Kanal 21 (Kortex des linken lateralen Frontalpols, FPC) ergab sich zwischen MPH und ATX ein signifikanter Unterschied (p = 0,009). Allerdings fanden sich keinerlei Korrelationen mit dem klinischen Ansprechen der Kinder. HL

Kommentar

Dass MPH und ATX bei Kindern mit ADHS – trotz praktisch gleicher Wirksamkeit auf die Symptome und die Leistungen im Aufmerksamkeitstest – unterschiedliche Effekte auf die präfrontale Hämodynamik zeigten, könnte dafür sprechen, dass MPH seine Wirkung maßgeblich auch über andere Strukturen als den PFC entfaltet.


Quelle:

Nakanishi Y et alk.: Differential therapeutic effects of atomoxetine and methylphenidate in childhood attention deficit/hyperactivity disorder as measured by near-infrared spectroscopy. Child Adolesc Psychiatry Ment Health 2017; 11: 26. [Epub 12. Mai; doi: 10.1186/s13034-017-0163-6]



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