Sehr frühe Reha nach Schlaganfall | Neuro-Depesche 12/2016

Wie ist die gängige Praxis in Deutschland?

Seit die Studie AVERT ergab, dass die innerhalb von 24 h begonnene Rehabilitation in schweren Fälle Schlaganfallpatienten mehr schaden als helfen kann, herrscht eine gewisse Unsicherheit bei der sehr frühen Reha. Anhand des Baden-Württembergeschen Schlaganfallregisters wurde die klinische Praxis hierzulande unter die Lupe genommen.

Retrospektiv wurden die Daten von 99 753 Patienten mit ischämischem Schlaganfall (IS) und 8824 mit intrazerebraler Blutung (ICH) ausgewertet. Das Durchschnittsalter betrug ca. 76 Jahre, der mediane NIHSS-Score 4 bzw. 7. Berücksichtigt wurden Physiotherapie (PT), Beschäftigungs-/ Ergo- (OT) sowie Sprachtherapie (ST).
Dem Großteil der Patienten wurde eine PT zuteil, darunter etwas mehr IS- als ICH-Patienten (90% bzw. 87%). Deutlich weniger Patienten kamen in den Genuss einer ST (70% bzw. 65%), und noch weniger erhielten eine OT (63% bzw. 57%). In den ersten 24 h nach Erstversorgung wurde bei IS- und ICH-Patienten am häufigsten eine PT angewendet (87% bzw. 82%), in den ers - ten 48 h eine OT (IS: 91% bzw. ICH: 89%) und eine ST (93% bzw. 90%). Die Zahl der Sitzungen innerhalb der ersten sieben Tage betrug bei den IS- und ICH-Patienten 4,9 bzw. 5,2 (PT), 4,2 bzw. 4, 4 (OT) und 4,0 bzw. 4,2 (ST).
Am häufigsten eine Rehabilitation und die meisten Sitzungen erhielten Patienten mit einem mittleren Behinderungsgrad (modified Rankin Scale [mRS]: 2–5), einschließlich der Patienten mit stärksten Beeinträchtigungen. Die wenigsten Sitzungen erhielten Patienten mit sehr guter Prognose (und die sich sehr rasch erholten) und jene mit von Anfang an sehr schlechter Prognose. Bei insgesamt gutem Zugang zur PT konstatieren die Autoren eine Unterbehandlung mit ST bei 12%–17% und mit OT bei 30% der Schlaganfall-Patienten.
Gerade die individuelle Arztentscheidung für oder gegen die frühe Reha erschwerten die Analyse der BW-Daten: Die geplanten Outcome-Auswertungen (mRS bei Entlassung, Rate an vollständiger Wiederherstellung, Pneumonie und Mortalität) ergaben keine sinnvollen Resultate und wurden daher gar nicht erst berichtet. NW

Kommentar

In der 2015 veröffentlichten Studie Efficacy and safety of very early mobilization within 24 h of stroke onset (AVERT) wurden die Schlaganfallpatienten innerhalb von 24 h mittels intensiver Physiotherapie mobilisiert, doch sie hatten nach drei Monaten eine geringere Chance auf eine funktionelle Unabhängigkeit (mRS: 0–2) als die mit einer späteren „Standard“-Reha (46% vs. 50%; adj. Odds Ratio: 0,73; p = 0,004). Vor allem ICH-Patienten schienen nicht zu profitieren.

Quelle:

Reuter B et al.: Access, timing and frequency of very early stroke rehabilitation – insights from the S Baden-Wuerttemberg stroke registry. BMC Neurol 2016; 16: 222 [Epub 16. Nov.; doi: 10.1186/ s12883-016-0744-7]

ICD-Codes: I64

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