Psychiatrische Komorbidität bei Erwachsenen | Neuro-Depesche 4/2019

Welche Rolle spielen die Medikamente?

Zertifizierte Fortbildung

Angst, Depression, Sucht – die psychiatrische Komorbidität ist bei Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hoch. Jetzt wurde versucht, mögliche Auswirkungen des ADHS-Subtyps im Kindesalter und vor allem der Pharmakotherapie auf die psychischen Begleiterkrankungen aufzudecken.

In die retrospektive Studie eingeschlossen wurden 121 therapienaive und 93 behandelte Erwachsene mit ADHS (im Alter von 18 - 36 Jahren) sowie 145 gesunde Kontrollen. Die psychiatrische Komorbidität wurde anhand semi-strukturierter psychiatri- scher Interviews und Krankenakten erfasst. Zudem wurde unterschieden nach dem ADHS-Subtyp: kombinierter (ADHS-C) versus Unaufmerksamkeits-Subtyp (ADHS-I).
Die therapienaiven Erwachsenen mit ADHS wiesen mit 87,6 % vs. 68,8 % deutlich häufiger psychiatrische Komorbiditäten auf als die behandelten (und natürlich als die Kontrollen: 7,6 %). Die Wahrscheinlichkeit lag insgesamt bei mehr als dem Dreifachen (Odds Ratio: 3,2). Dies betraf jeweils mit Signifikanz insbesondere die generalisierte Angststörung (19,0 % vs. 5,38 %; OR: 4,13), affektive Erkrankungen (28,1 % vs. 10,7 %; OR: 3,24; vor allem wegen einer Major Depression), Anpassungsstörungen (32,2% vs. 5,38 %; OR: 8,37) und Schlafstörungen (40,5 % vs. 24,7 %; OR: 2,07).
Eine in der Kindheit diagnostizierte ADHS-C (n = 126) war im Vergleich zum ADHS-I-Subtyp (n = 86) mit einem mehr als fünffach höheren Risiko für eine psychische Komorbidität verbunden (90,5 % vs. 62,8 %; OR: 5,63). Besonders ausgeprägt war der Unterschied bei der Beziehungsstörung (CD; 47,6 % vs. 10.5 %; OR: 7,90).
Die Multivarianz-Analyse zeigte signifikante (je p < 0,05) Zusammenhänge: So ging die ADHS-C einher mit höheren Risiken für Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten (ODD) (OR: 4,10), Beziehungsstörung (OR: 7,40) und Schlafstörungen (OR: 4,32).
Die derzeitige ADHS-Medikation war assoziiert mit einem höheren Risiko für Angststörungen (OR: 3,39), die längere medikamentöse Behandlung aber mit einem geringeren Risiko für affektive Erkrankungen (OR: 0,94) und Schlafstörungen (OR: 0,99). Andere Faktoren wie Geschlecht, Krankheitsbeginn und -dauer, IQ etc. hatten hier keinen signifikanten Einfluss. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Die Autoren fassen zusammen, dass keine medikamentöse Behandlung, eine kurze Behandlungsdauer und der kombinierte ADHS-Subtyp im Kindesalter mit einem erhöhten Risiko für psychiatrische Komorbiditäten bei Erwachsenen mit ADHS verbunden sind. Generell scheint eine ADHS-Medikation nicht nur die Symptomatik zu verbessern, sondern – in weitgehender Übereinstimmung mit der übrigen Studienlage – auch die Komorbidität im Erwachsenenalter zu reduzieren. Dies dürfte insbesondere für Patienten mit ADHS-C gelten.

Quelle: Tsai FJ et al.: Psychiatric comorbid patterns in adults with attention-deficit hyperactivity disorder: Treatment effect and ... PLoS One 2019; 14(2): e0211873 [Epub 7. Feb.; doi: 10.1371/journal.pone.0211873]

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