„Umbrella-Review" | Neuro-Depesche 1/2018

Was verursacht Psychosen?

Unter diesem Titel veröffentlichte eine internationale Arbeitsgruppe eine Übersichtsarbeit zu den derzeit bekannten protektiven und Risikofaktoren für psychotische Erkrankungen. Die 170 geprüften Einzelfaktoren erhielten unterschiedliche Evidenzgrade.

Für das „Umbrella“-Review wurden 55 Metaanalysen/ systematische Übersichtsarbeiten ausgewertet, die Daten aus insgesamt 683 Einzelstudien (1965 – Jan. 2017) beinhalteten. Für 170 fragliche Psychose-relevanten Einzelfaktoren wurde – nach einer mehrschichtigen Systematik – der jeweilige Grad an Evidenz bestimmt („convincing“, „highly suggestive“, „suggestive“, „weak“ und „non-significant“)
Eine überzeugende („convincing“) Evidenz bestand nur für zwei Einzelfaktoren: der durch einen psychotisch erkrankten nahen Verwandten definierte „Ultra-high-risk state for psychosis“ (Odds Ratio [OR]: 9,32; 95%-KI: 4,91–17,72) und schwarz-karibische Ethnie in England (OR: 4,87; 95%-KI: 3,96–6,00).
Sechs Faktoren schienen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit relevant zu sein („highly suggestive of“): Risikosteigernd waren ethnische Minorität außerhalb ethnisch geprägter Viertel (OR: 3,71), Migrant der 2. Generation (OR: 1,68), anhedone Persönlichkeit (OR: 5,41) und kleine körperliche Anomalien (OR: 5,30). Schützend waren prämorbider IQ (OR: 0,47) und olfaktorische Unterscheidungsleistung (OR: 0,19).
Und neun weitere Faktoren zeigten eine gewisse (risikosteigernde) Einflusswahrscheinlichkeit („suggestive of“): Urbanität (OR: 2,19), ethnische Minorität innerhalb ethnisch geprägter Viertel (OR: 2,11), Migrant der 1. Generation (OR: 2,10), nordafrikanischer Immigrant in Europa (OR: 2,22), Geburt im Win- Foto: mauritius images ter/Frühling (in der nördlichen Hemisphäre) (OR: 1,04), sozialer Rückzug als Kind (OR: 2,91), Traumatisierung in der Kindheit (OR: 2,87), IgG-Antikörper gegen Toxoplasma gondii (OR: 1,82) und Linkshändigkeit (OR: 1,58).
Bei der als Sensitivitätsanalyse dienenden Betrachtung nur der prospektiven Studien bestand nur für den „Ultra-high-risk state“ eine überzeugende und nur für die Urbanität eine gewisse Evidenz. Ohne Evidenz-Zuteilung erhöhten u. a. männliches Geschlecht und jüngeres Alter (< 35 Jahren) das Psychose-Risiko. JL

Quelle:

Radua J et al.: What causes psychosis? An umbrella review of risk and protective factors. World Psychiatry 2018; 17(1): 49-66

ICD-Codes: F29

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