Patienten mit bipolarer Erkrankung | Neuro-Depesche 10/2015

Was nutzen psychosoziale Interventionen?

Trotz symptomatisch wirksamer (medikamentöser) Therapien leiden viele bipolar erkrankte Menschen nicht nur unter einer hohen Rückfallrate, sondern auch unter persistierenden funktionellen Beeinträchtigungen. An der Universität von Thessaloniki wurde nun der mögliche Nutzen von psychosozialen Interventionen bzw. Behandlungen untersucht. Hier einige der Resultate.

Die systematische Übersichtsarbeit schloss 78 Studien ein. Die Resultate wurden je nach Studiendesign gegenüber einem Kontroll- oder Placebo- Arm (z. B. Treatment as usual) erzielt, oft als Zusatztherapie zu einer Pharmakotherapie.
Lediglich für die Psychoedukation (30 Studien) ließ sich ein klarer Nutzen feststellen – allerdings nur in Subgruppen von Patienten, die sich in frühen Krankheitsstadien befanden und zudem unter der Behandlung eine weitreichende, wenn nicht vollständige symptomatische Remission erreicht hatten.
Beispielsweise wurde in einer Studie an 120 euthymen Patienten nach 21 Sitzungen über zwei Jahre die Rückfallrate reduziert (60% vs. 92%; p < 0,01). Die Effekte waren sogar über fünf Jahre anhaltend (79% vs. 87%; p < 0,01). Während manische, hypomanische und gemischte Episoden signifikant verringert wurden, ergab sich bei akuten depressiven Phasen kein schützender Effekt. Letzteres war auch bei mehreren anderen zitierten Studien einschließlich einer Metaanalyse der Fall.
Für die kognitive Verhaltenstherapie (KVT; 14 Studien) und die Interpersonal and Social Rhythms Therapy (IPSRT; vier Studien) konnten auch gewisse Wirksamkeiten auf verschiedenste Outcome-Parameter (Rückfallrate, Symptomreduktion, funktionelle Erholung etc.) festgestellt werden, diese beschränkten sich jedoch meist auf die (manischen) Akutphasen der Patienten und hielten nur ausnahmsweise über den Nachbeobachtungszeitraum an.
Während so genannte „Mindfulness-based“ Therapien (acht Studien) offenbar nur die Angstsymptome – und weniger die bipolaren Kernsymptome – maßgeblich verringern konnten, erwiesen sich Interventionen zur Verbesserung der neurokognitiven Leistungsfähigkeit (vier Studien) wie die Cognitive Remediation (CR) und die Functional Remediation (FR) als weitgehend unwirksam. Familienbasierte Interventionen (15 Studien) scheinen ganz überwiegend die Situation der pflegenden Angehörigen zu verbessern (z. B. subjektives Wohlbefinden), ihr Einfluss auf das Outcome der Patienten ist aber kontrovers, vermutlich wird am ehesten noch die Adhärenz mit der Therapie gefördert. JL

Kommentar

Die Datenlage zur Wirksamkeit psychosozialer Interventionen bei bipolarer Erkrankung ist definitiv unzureichend, die meiste Evidenz ergab sich für rückfallprophylaktische Effekte der Psychoedukation. Die Bewertung wird erschwert durch methodische Mängel der Studien, Einschluss bestimmter Patientenpopulationen (z. B. häufiger Bipolar- I- als -II-Typ), verschiedene Kontrollkonditionen etc. Als allgemeine Regel kann den Autoren zufolge gelten, dass derartige Interventionen so früh wie möglich im Krankheitsverlauf einzusetzen und auf die Merkmale und Bedürfnisse der einzelnen Patienten (bzw. Angehörigen) maßzuschneidern sind.


Quelle:

Miziou S et al.: Psychosocial treatment and interventions for bipolar disorder: a systematic review. Ann Gen Psychiatry 2015; 14: 19 [Epub 7. Juli; doi: 10.1186/s12991-015-0057-z

ICD-Codes: F31

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