Italienisches Netzwerk für Psychoseforschung

Neuro-Depesche 3/2021

Was ist für das tägliche Funktionieren wirklich ausschlaggebend?

Das Behandlungsziel bei der Schizophrenie hat sich über die Symptomreduktion und Rückfallprävention hinaus zu einer funktionellen Erholung verlagert. Welche Faktoren mit dem tatsächlichen Funktionieren der Betroffenen „im echten Leben“ zusammenhängen, wurde jetzt prospektiv über vier Jahre an 24 italienischen Universitätskliniken bzw. psychiatrischen Abteilungen untersucht.
An der Kohortenstudie nahmen 618 klinisch stabile Patienten (427 Männer [69,1 %]) mit Schizophrenie-Diagnose im Durchschnittsalter von 45,1 Jahren teil.
Hauptaugenmerk lag u. a. auf der Psychopathologie (nach PANSS), der sozialen und Neurokognition (u. a. nach mehreren Items der MATRICS Consensus Cognitive Battery, MCCB), der Funktionsfähigkeit (Specific Level of Functioning Scale, SLOF), der funktionellen Kapazität (University of California San Diego Performance-Based Skills Assessment Brief, UPSA-B) und auf persönlichen Ressourcen (Resilience Scale for Adults, RSA).
Die initialen Befunde wurden mit den Veränderungen nach vier Jahren abgeglichen.
 
Kognition und Alltagsfertigkeiten zu Baseline zählen
Die initialen und die Follow-up-Befunde der verschiedenen Parameter standen in einem jeweils signifikantem Zusammenhang. Im Latent Change Score-Modell waren besonders die folgenden Basisvariablen mit dem Funktionieren im realen Leben bei der Nachuntersuchung verbunden:
  • Eine bessere Neurokognition zu Baseline ging mit stärkeren Fähigkeiten der Alltagsbewältigung (p < 0,001) und des Arbeitens ( p = 0,02), mit der sozialen Kognition (p = 0,03) und der funktionellen Kapazität (p < 0,001) einher.
  • Eine initial bessere soziale Kognition war mit besserer Arbeitsfähigkeit (p < 0,001) und günstigeren zwischenmenschlichen Beziehungen (p < 0,001) assoziiert.
  • Bessere Alltagsfertigkeiten zu Baseline standen schließlich im Zusammenhang mit einer besserer Arbeitsfähigkeit (p < 0,001) zum Follow-up.
Den adjustierten Regressionsanalysen zufolge erklärten diese Basisvariablen einen Großteil der Varianz in der Funktionalität der Patienten beim Follow-up. HL
Kommentar
Die Raten an kompletter oder weitgehender funktioneller Wiederherstellung der Patienten sind nach wie vor niedrig. Diese große prospektive Studie deutet darauf hin, dass dafür soziale und nicht-soziale Kognition sowie grundlegende Alltagsfähigkeiten der Patienten eine Schlüsselrolle spielen – mithin Fähigkeiten, die in bisherigen Interventionsprogrammen nicht routinemäßig berücksichtigt werden.
Quelle: Mucci A et al.: Factors associated with real-life functioning in persons with schizophrenia in a 4-Year follow-up study of the Italian network for research on psychoses. JAMA Psychiatry 2021 [Epub 10.Feb.; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2020.4614]
ICD-Codes: F20.9
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