US-Studenten berichten Details | Neuro-Depesche 3/2015

Was erleben Problem-User des Internets?

Die meisten Studien zu einem pathologischen Gebrauchs des Internets bzw. einer Internetabhängigkeit sind quantitativer Art. Die persönlichen Merkmale und selbstberichteten Auswirkungen wurden nun in einer qualitativ-deskriptiven Studie bei einer Gruppe von Studenten US-amerikanischer Universitäten untersucht.

Eingeschlossen wurden 27 Studenten verschiedener Fakultäten (durchschnittlich 21 Jahre alt, 17 weiblich), die sich selbst als intensive Internet-User charakterisierten, mehr als 25 Stunden pro Woche (außerhalb von Arbeiten für das Studium) vor dem Monitor saßen und damit verbundene psychosoziale bzw. gesundheitliche Probleme einräumten.
Das Ausmaß eines pathologischen Gebrauchs des Internets (PIU) bzw. einer Internetabhängigkeit (IA) wurde mit dem Young's Diagnostic Questionnaire (YDQ) und der Compulsive Internet Use Scale (CIUS) bewertet. Zudem wurden in Arbeitsgruppen die verschiedenen Merkmale der Teilnehmer, ihre Lebensumstände, ihre spezifischen Online-Aktivitäten (Shopping, Videos, Gaming, Foren, soziale Medien, ungeplantes Stöbern) und die Konsequenzen ihres problematischen Internetgebrauchs erörtert.
48,1% übertrafen den Cut-off-Wert des YDQ von 5, waren also internetabhängig. Wei tere 40,7% lagen mit 3 oder 4 nur knapp darunter. 26 Teilnehmer (96,3%) überschritten den Cut-off- Wert der CIUS für einen PIU.
Die Teilnehmer hatten zum ersten Mal im Alter von 9,3 Jahren Zugang zum Internet und bemerkten die ersten Probleme mit der Online- Aktivität mit 16,2 Jahren. Gefühle von Traurigkeit und Depression, Flucht vor Langeweile und Stress waren die am häufigsten (63%) genannten Trigger für die Internetnutzung. Besonders die Aktivitäten in den sozialen Medien bildeten einen festen Alltagsbestandteil und fanden „nahezu ununterbrochen“ statt.
Als Auswirkungen von PIU/IA wurden sehr häufig negative Stimmungslage und ausgeprägte Konzentrationsstörungen beklagt. Ebenfalls häufig berichtete Konsequenzen waren täglicher Schlafentzug (63%) und Vernachlässigung verschiedener Verpflichtungen (44,4%), was sich in schlechten Leistungen in Schule und Studium, verpatzten Prüfungen sowie fehlenden persönlichen („face-to-face”) sozialen Aktivitäten äußerte. JL

KOMMENTAR

Geschätzte 6 bis 11% aller US-Internet-Nutzer weisen eine PIU/IA auf. Die Autoren dieser qualitativen Studie zeigen, dass die übermäßige Internetnutzung massive, den Betroffenen durchaus bewusste Auswirkungen auf Lebensführung und -erfüllung haben. Diese werden aber von der Medizin immer noch erheblich unterschätzt. Offenbar wird auch noch zu wenig an der grassierenden Online-Problematik geforscht.


Quelle:

Li W et al.: Characteristics of internet addiction/ pathological internet use in U.S. university students: a qualitative-method investigation. PLoS One: 2015; 10(2): e 0117372. [Epub ahead of print: 3. Feb. 2015; doi: 10.1371/journal.pone.0117372]

ICD-Codes: F63.8

Das könnte Sie auch interessieren

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.