Unbehandelte Psychose | Neuro-Depesche 1-2/2015

Wahnsymptome führen zur Gewalt

Zertifizierte Fortbildung

Akut Psychose-kranke Menschen verüben Studien zufolge häufiger Gewalttaten als die Normalbevölkerung. Anhand der prospektiven Längsschnittstudie U.K. Prisoner Cohort Study an fast     1 000 Gefangenen wurden die Zusammenhänge zwischen einer schizophrenen Psychose, Wahnzuständen und gewalttätigem Verhalten untersucht – und ob eine medikamentöse Behandlung die Risiken beeinflusst.

Teilnehmer waren 180 weibliche und 787 männliche Gefangene, die aufgrund einer sexuellen oder gewalttätigen Straftat eine mindestens zweijährige Haftstrafe verbüßt hatten und nach ihrer Entlassung über durchschnittlich 39,2 Wochen nachbeobachtet worden waren. Sie wurden in vier Gruppen unterteilt: Keine Psychose (n = 742), Schizophrenie (n = 94), explizite wahnhafte Störung („delusional disorder“) (n = 29) und drogeninduzierte Psychose (n = 1 02). Vor und nach der Entlassung wurden aktive Psychosezeichen wie Halluzinationen, Gedankeneingebung, Fremdheitserleben, Verfolgungswahn mit dem Psychosis Screening Questionnaire erfasst und im Nachbeobachtungszeitraum gewalttätiges Verhalten dokumentiert.

218 der 967 Teilnehmer (22,9%) wurden erneut straffällig. Die Gruppen der psychisch Kranken zeigten in der univariaten/multivariaten Analyse keine erhöhte Wiederholungsgefahr gegenüber den Nicht-Kranken. Allerdings ging die Diagnose einer Schizophrenie bei den unbehandelten Patienten gegenüber der Straftätergruppe ohne Psychose mit einer häufigeren Gewalttätigkeit einher (Odds Ratio: 3,76; 95%-KI: 1 ,39– 10,1 9; p = 0,034). Ihr Risiko dafür war auch gegenüber den Patienten mit behandelter Schizophrenie signifikant höher (OR: 3,33; p = 0,04).

Eine unbehandelte Schizophrenie stand außerdem in Relation mit dem Auftreten eines Verfolgungswahns während des Follow-up (OR: 3,52). Letzterer war wiederum mit erneuter Gewalttätigkeit assoziiert (OR: 3,68). In den weiteren Analysen bestätigte sich der vermittelnde Effekt des Verfolgungswahns ( = 0,02; p = 0,03); er erklärte etwa 26% der Varianz für das Gewalttätigkeitsrisiko der unbehandelten schizophren Erkrankten. Für andere akute Psychosezeichen fand sich kein derartiger vermittelnder Einfluss auf die Gewalttätigkeit.

Für nichtbehandelte Patienten mit Wahnstörung oder drogeninduzierten Psychose dagegen zeigte sich nach Adjustierung auf verschiedene Variablen (u. a. Alkoholund Drogenkonsum) kein erhöhtes Risiko für eine erneute gewalttätige Straftat. JL



Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

KOMMENTAR

Bei unbehandelten Patienten mit einer Schizophrenie kommt es vermehrt zu gewalttätigem Verhalten, das offenbar insbesondere durch das Auftreten von Wahnideen vermittelt wird. Dieses Risiko dürfte – wie andere negative Folgen der Nicht-Behandlung auch – durch eine nach der Entlassung fortgeführte psychiatrische Behandlung verringert werden. Die Resultate stehen in Einklang mit anderen Studien, die einen Zusammenhang zwischen Gewalttätigkeit und Nicht-Adhä- renz mit der Behandlung nachwiesen.

Quelle:

Keers R et al.: Association of violence with emergence of persecutory delusions in untreated schizophrenia. Am J Psychiatry 201 4; 1 71 (3): 332- 339

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