Epilepsie in der Kindheit

Neuro-Depesche 9/2016

Viele Patienten entwickeln eine ADHS

Zertifizierte Fortbildung

Verschiedene Studien legen genetisch und exogen bedingte Zusammenhänge zwischen Epilepsie und ADHS nahe. Eine dänisch-norwegische Gruppe untersuchte in einer großen prospektiven Längsschnitt-Kohortenstudie die Zusammenhänge zwischen Epilepsie (bzw. Fieberanfällen) in der Kindheit und dem Risiko, später eine ADHS zu entwickeln.

Alle zwischen 1990 und 2007 in Dänemark geborenen Kinder wurden bis zum Jahre 2012 beobachtet. Die Risiken für eine ADHS (als Inzidenz- Verhältnisrate = Incidence Rate Ratio, IRR) wurden per Regressionsanalyse auf verschiedene ADHS-relevante sozioökonomische und perinatale Risikofaktoren sowie neurologische und psychiatrische Erkrankungen in der Familie adjustiert.
Von den 906 379 Personen, die über bis zu 22 Jahre beobachtet worden waren (knapp 10 Mio. Personenjahre, PJ), hatten 13 573 (1,5%) unter epileptischen und 33 947 (3,8%) unter febrilen Krämpfen gelitten. In der Gesamtkohorte entwickelten 21 079 Individuen (74% männlich) eine ADHS, mit einer Spitze bei den Jungen im Alter von 8–9 und einer Doppelspitze bei den Mädchen im Alter von 9 bzw. 16 Jahren.
Der Studienhypothese entsprechend war die ADHS-Inzidenzrate bei vorheriger Epilepsie gegenüber den nicht-erkrankten Kindern (204/ 100 000 PJ) deutlich erhöht (752/100 000 PJ) und bei febrilen Krämpfen (303/100 000 PJ) noch leicht erhöht. So wiesen die Personen mit Epilepsie in der Kindheit (gegenüber jenen ohne Epilepsie) nach Volladjustierung auf mögliche Einflussfaktoren eine ADHS-IRR von 2,72 (95%- KI: 2,53–2,91) auf. In der gleichen Richtung, doch schwächer ausgeprägt, hatten die Kinder mit Fieberkrämpfen (gegenüber Kindern ohne febrile Krämpfe) ein erhöhtes Risiko, später eine ADHS zu entwickeln: Die adjustierte IRR betrug in dieser Personengruppe 1,28 (95%-KI: 1,20– 1,35). Bei Menschen, die im Kindesalter sowohl epileptische Anfälle als auch Fieberkrämpfe erlitten hatten, war das ADHS-Risiko mit einer adj. IRR von 3,22 (95%-KI: 2,72–3,83) in der Gesamtkohorte gegenüber Nicht-Betroffenen noch einmal deutlich höher. Die IRR für eine ADHS war in der Epilepsie-Gruppe für Mädchen signifikant höher als für Jungen (3,01 vs. 2,60; p < 0,05).
Unter Ausschluss von 94 761 Kindern mit geringem Geburtsgewicht (< 2500 g; n = 24 957), vor der 37. Gestationswoche Geborenen (n = 34 606) oder einem Apgar-Score (5 Min.) < 10 (n = 57 928) war das ADHS-Risiko bei Epilepsie in der Kindheit in der Sensitivitätsanalyse noch einmal leicht erhöht (IRR: 3,12), bei febrilen Krämpfen praktisch unverändert (IRR: 1,27). Bei Ausschluss zerebraler Ereignisse und angeborener Missbildungen lagen die IRR bei 3,59 (Epilepsie), 1,38 (Fieberkrämpfe) und 5,01 (bei beidem). JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

Diese prospektiv (!) erhobenen Resultate sprechen für einen maßgeblichen Einfluss einer Epilepsie in der Kindheit mit einem um fast das Dreifache erhöhten ADHS-Risiko im weiteren Verlauf (und einer Risikoerhöhung bei Fieberkrämpfen um etwa 30%). Kinder mit einem hohen ADHS-Risiko frühzeitig zu erkennen, kann dazu beitragen, die vielen negativen Konsequenzen, z. B. hinsichtlich des erhöhten Risikos für Verletzungen, Suchterkrankungen, Kriminalität, Psychose und frühem Tod, zu verringern.

Quelle:

Bertelsen EN et al.: Childhood epilepsy, febrile seizures, and subsequent risk of ADHD. Pediatrics 2016; 138(2); pii: e20154654 [Epub 13. Juli; doi: 10.1542/peds.2015-4654]

ICD-Codes: F90.0
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