Arbeitstagung NeuroIntensivmedizin (ANIM), 16. bis 18. Feb. 2017, Wien

Neuro-Depesche 3/2017

Viele neue und wichtige Impulse

Zur Arbeitstagung NeuroIntensivmedizin (ANIM) der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) kamen Mitte Februar rund 1400 Teilnehmer ins Austria Center nach Wien. Die ANIM gab in etwa 70 Einzelveranstaltungen erneut wichtige Impulse für die Neurologie, Neurointensivmedizin und Neurochirurgie in den deutschsprachigen Ländern.

Schwerpunkte waren u. a. die Neuroinfektiologie, Autoimmunität des Nervensystems, Gerinnungssystem und Temperaturmanagement, Innovationen beim Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma (SHT), periinterventionelles Management bei endovaskulären Eingriffen. Hier einige der Inhalte.

Meningitis, Malaria und andere Infektionen

Prof. Diederik van de Beek, Amsterdam, betonte auf dem Präsidentensymposium, dass Patienten mit bakterieller Meningitis noch früher, also „innerhalb der ersten Stunde nach Eintreffen“ behandelt werden müssen. Prof. Erich Schmutzhard, Innsbruck, warnte davor, dass Malaria und andere Infektionen „mit der Globalisierung auch zu uns kommen können“. Das stelle die Medizin auch in der aktuellen Flüchtlingsdebatte vor große Herausforderungen.

Gelungene Frühreha

In einer prospektiven Beobachtungsstudie an 50 Patienten mit schwerem SHT (Glasgow-Coma-Score [GCS] ≤ 8 für mehr als 24 h) konnten diverse frührehabilitative Maßnahmen (u.a. Physiound Ergotherapie, Logopädie) auf der neurochirurgischen Intensivstation nach durchschnittlich 11,7 Tagen begonnen werden. Ihre Dauer betrug durchschnittlich 18 Tage (im Durchschnitt 4-5 h täglich). Zum Zeitpunkt der Verlegung in die stationäre Rehabilitation waren bereits 50% der Patienten in den Tätigkeiten des täglichen Lebens weitgehend selbstständig (FIM-Score: 100–126 Punkte), 52% waren allein, 18% mit Unterstützung gehfähig. Bei kontinuierlicher Rehabilitation hatte schon nach drei bzw. sechs Monaten ein Großteil der Patienten (70% bzw. 89% nach FIM-Score, 89% nach Barthel-Index) eine nahezu vollständige Selbstständigkeit in den Alltagsaktivitäten erreicht. Allerdings waren dann nur 10% bzw. 27% arbeitsfähig – dafür halten die Neurologen vor allem anhaltende Störungen des Verhaltens sowie der emotionalen und kognitiven Fähigkeiten der Patienten für verantwortlich.

SAB-Mimikry durch fulminante Pneumokokken-Meningitis

Subarachnoidale Hyperintensitäten in der kranialen Computertomografie (CCT) gehen meist auf eine Subarachnoidalblutung (SAB) zurück. Dass bei vigilanzgeminderten Patienten, bei unzureichender Anamnese und/oder erhöhten Infektparametern differenzialdiagnostisch auch eine fulminante bakterielle Meningitis erwogen werden sollte, legt ein Fallbericht aus Kassel nahe. Die als Notfall eingelieferte 61-Jährige war somnolent und global aphasisch, das CCT ergab den Verdacht auf eine beidseitige, hochparietale SAB, doch in der CT-Angiografie ließen sich weder Gefäßmissbildungen noch ein Aneurysma nachweisen. Nach initialer Verdachtsdiagnose einer atypischen (evtl. traumatischen) SAB mit unklarer Vigilanzminderung und deutlich erhöhten Entzündungsparametern ergab die Lumbalpunktion eine erhöhte Zellzahl (1530/μl), Glukosekonzentration von 44 mg/dl und Lactat-Werte (Liquor) von 11,7 mmol/l sowie einen Pneumokokken-Nachweis. Trotz Antibiose mit Ceftriaxon wurde die Patientin komatös und musste intubiert werden, die Anlage einer intraparenchymatösen Hirndrucksonde und einer externen Ventrikeldrainage verhinderte nicht, dass die Frau verstarb. Die Obduktion ergab ein ausgedehntes Hirnödem mit makroskopisch abgrenzbarer Druckkonusbildung. Todesursache war ein septisches Multiorganversagen.

Neurochirurgischer Frühwarnscore

In einer Pilotstudie untersuchten Neurochirurgie aus Hannover, ob sich kritisch kranke Patienten mit einem Monitorsystem mit integriertem Frühwarnscore (= National Early Warning Score, NEWS) identifizieren lassen. Bei 128 Patienten erfasst wurden 1049-mal die sechs Vitalparameter Herzfrequenz (HF), Atemfrequenz (AF), Blutdruck (BD), periphere Sauerstoffsättigung (saO2), Körpertemperatur (T) und Bewusstseinslage (nach AVPU-Schema). Ein hoher Frühwarnscore von 7 Punkten wurde achtmal ermittelt, 6 Punkte elfmal, 5 Punkte neunmal, 4 Punkte 26-mal und 3 Punkte 88-mal (übrige 907 Messungen: 0–2 Punkte). Häufigste Gründe für eine Punktvergabe war eine ausgelenkte AF, gefolgt von T, HF und saO2. Abweichungen des systolischen BD und eine veränderte Bewusstseinslage waren selten. Aufgrund des Scores wurden vier Patienten mit 7 Punkten sowie jeweils einer mit 6 bzw. 5 Punkten auf die Intensivstation verlegt. Alle Patienten konnten später aus dem Krankenhaus entlassen werden. Den Autoren zufolge lässt die Score-begründete Übernahme auf die Intensivstation eine wirksame Risikofrüherkennung vermuten und rechtfertigt die prospektive Validierung des Systems. Mehr Infos unter www.rcplondon.ac.uk/projects/outputs/national-early-warning-score-news.

Euros für den Nachwuchs

„Fenster ins Gehirn“: Den mit 20 000 Euro dotierten DGNI-Nachwuchsförderungspreis erhielt Dr. med. Walid Albanna (34), Neurochirurg am Universitätsklinikum der RWTH Aachen. „Unser großes Ziel ist, durch den einfachen Blick in die Augen frühzeitig Gefäßeinengungen und Hirnfunktionsstörungen bei Patienten mit aneurysmatischer SAB in der kritischen Phase zu erkennen“, so Albanna, „damit wären invasive Maßnahmen überflüssig“. Locked-In-Syndrom: Der erstmals ausgelobte DGNI-Pflegepreis über 500 Euro ging an die Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege Verena Iffländer (28), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Ihre Arbeit über das Locked-In-Syndrom kann diesem sehr spezifischen Thema zu neuer Aufmerksamkeit in der Pflege verhelfen. JL

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