300 Bipolar-I- und -II-Patienten | Neuro-Depesche 6/2014

Über vier Jahre auf Rezidive nachbeobachtet

Randomisierte klinische Studien schließen nur mehr oder weniger stark selektierte Patienten ein, ihre Resultate sind daher nicht unbedingt auf die Bedingungen des Behandlungsalltags übertragbar. In einer naturalistischen, nicht-interventionellen Studie wurden nun 300 österreichische Patienten mit einer Bipolar-I- bzw. -II-Störung über vier Jahre nachbeobachtet. Im Fokus standen Inzidenz und Ursachen für Rezidive akuter Phasen.

Zwischen 2000 und 2008 wurden 300 konsekutiv in einer kommunalen psychi­-atrischen Klinik behandelte Patienten nach ihrer Entlassung über vier Jahre prospektiv nachverfolgt. 158 litten unter einer Bipolar-I- und 142 unter einer Bipolar-II-Störung. Die nach Wahl des jeweiligen behandelnden Arztes zur Stimmungsstabilisierung bzw. Rückfallprophylaxe eingesetzten Medikamente umfassten Lithium, Carbamazepin, Valproat, Lamotrigin und atypische Antipsychotika sowie diverse Antidepressiva – entweder in Monotherapie (19,3%) oder Kombinationstherapie. Bei den regelmäßigen Follow-up-Terminen erfasst wurden. Die Rückfallrate, die Polarität der affektiven Episode, die Zeit bis zu einem Rückfall sowie der Einfluss der verschiedenen Medikamente, die Adhärenz und der Medikationswechsel.

204 der 300 Patienten (68%) erlitten über die vier Jahre einen Rückfall, je etwa die Hälfte hatte eine Bipolar-I bzw. -II-Störung. Das Intervall zur nächsten akuten affektiven Phase lag bei durchschnittlich 208 Tagen. Die Polarität von Rückfällen stand im Gesamtkollektiv jeweils in einer signifikanten Beziehung mit der Index-Episode (χ24 = 57,48, p = 0,000), d. h. Bipolar-I-Patienten hatten mehr manische/hypomanische (χ22 = 20,9; p = 0,000) und Bipolar-I-Patienten mehr depressive Episoden (χ24 = 106,82, p = 0,000).

Die Kaplan-Überlebensanalyse ergab, dass eine Stimmungsstabilisierung mit Lithium als Monotherapie das Intervall bis zum Rückfall gegenüber anderen Medikationen signifikant (p = 0,002) verlängerte: durchschnittlich 940 Tage vs. 605 (Atypika), 549 (Antikonvulsiva) und 598 Tagen (Kombinationen).

Signifikant kürzere Zeiten in Remission ergaben sich insbesondere, wenn das Medikament für die Rückfallprophylaxe zwischenzeitlich durch den Psychiater gewechselt (p = 0,000) bzw. durch den Patienten abgesetzt worden war (p = 0,001). Ansons­ten ließen sich zwischen den Patienten mit Bipolar-I- und -II-Störung in keinen der erhobenen Parameter – Geschlecht, Alter, Erkrankungsalter, Familienanamnese, Ehestatus, Indexepisode etc. – maßgebliche Unterschiede im Einfluss auf die Rückfallrate feststellen. JL

Quelle: Simhandl C et al.: A prospective 4-year naturalistic follow-up of treatment and outcome of 300 bipolar I and II patients., Zeitschrift: JOURNAL OF CLINICAL PSYCHIATRY, Ausgabe 3 (2014), Seiten: 254-262

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