Prävalenz und Risikofaktoren

Neuro-Depesche 4/2020

Suizide in der Klinik keine Ausnahme

Zertifizierte Fortbildung
Eine hohe Suizidrate trägt zur Übersterblichkeit von Patienten mit Schizophrenie bei. Nicht wenige sterben noch während der stationären Behandlung durch eigene Hand. Jetzt wurden die Häufigkeit und damit verbundene Risikofaktoren bei hospitalisierten schizophrenen Patienten in einer Querschnittsstudie untersucht.
214 über 18-Jährige mit einer Schizophrenie- Diagnose (79,0 % Männer) wurden in die thailändische Studie eingeschlossen. Sie waren seit durchschnittlich 3,79 (0,04 – 10,39) Jahren erkrankt. Bei 4,2 % lag eine akute depressive Episode vor. Alle wurden antipsychotisch behandelt.
Nach den Basisdaten schienen die Frauen ein tendenziell höheres Suizidrisiko als die Männer zu haben: Die Lebenszeitprävalenz an Suizidversuchen in dieser Kohorte betrug 15,6 %. Der Unterschied zwischen Männern (13,7 %) und Frauen (22,7 %) erwies sich jedoch als nicht-signifikant (p = 0,162).
 
Jeder Fünfte suizidal
Das aktuelle Suizidrisiko der Teilnehmer wurde unter Verwendung des Mini-International Neuropsychiatric Interview (MINI)-Moduls für Suizidalität eingestuft. Danach wies die Mehrheit von 172 Patienten (80,4 %) keine erhöhte Suizidalität (0 Punkte) auf. Die Gesamtprävalenz betrug demnach 19,6 %: 20 Patienten (9,4 %) hatten ein niedriges (1 – 8 Punkte) und acht Patienten (3,7 %) ein mäßiges Risiko (9 – 16 Punkte), während bei 14 Patienten (6,5 %) ein hohes Suizidrisiko (≥ 17 Punkte) vorlag.
 
Signifikante Risikofaktoren
Etliche Variablen wie Geschlecht, Alter, psychosoziale Umstände, medikamentöse Behandlung etc. waren in der Rohanalyse mit dem Suizidrisiko korreliert. Basierend auf einer auf diese Faktoren kontrollierten multivariablen Regressionsanalyse war ein höheres Suizidrisiko (Gruppe mit mäßigem und hohem Risiko zusammengenommen) signifikant und unabhängig assoziiert mit folgenden Merkmalen: jüngeres Alter (adjustierte Odds Ratio pro zusätzliches Lebensjahr: 0,95; p = 0,03), eine aktuelle Major-Depression-Episode (OR: 26,88, p = 0,001), eine Behandlung mit Fluoxetin (OR: 18,59; p < 0,001) oder Lithium (OR: 2,97; p = 0,032) im Vormonat und ein höherer Score des Charlson- Komorbiditätsindex (OR pro CCI-Punkt- Anstieg: 1,20; p = 0,020).
Die Autoren heben hervor, dass die Therapie mit Fluoxetin oder Lithium aller Wahrscheinlichkeit nach keinerlei kausalen Einfluss haben dürfte. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar
Das Lebenszeitrisiko für einen Suizid beträgt bei schizophren Erkrankten etwa 5 % – und ist auch bei hospitalisierten Patienten hoch. U. a. bestätigte sich in dieser Studie die wesentliche Gefährdung durch eine Depression. Die Autoren empfehlen ein sorgfältiges Screening auf Suizidgedanken und -pläne auch in der Klinik. Sie rufen in Erinnerung, dass 40 % - 93 % der Patienten, die durch Suizid sterben, schon zuvor einen Suizidversuch unternommen haben.
Quelle: Woottiluk P et al.: Prevalence and associated factors of suicide among hospitalized schizophrenic patients. World J Clin Cases 2020; 8(4): 757-70
ICD-Codes: F20.9
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