Kinder und Jugendliche mit ADHS

Neuro-Depesche 4/2020

Suizidalität durch Depression und Angst vermittelt?

Zertifizierte Fortbildung
Eine ADHS geht mit einem erhöhten Suizidrisiko einher. Ob dieser Zusammenhang genuin ist oder durch andere Faktoren vermittelt wird, wurde jetzt untersucht. Depression, Angst und Reizbarkeit scheinen eine wichtige Rolle zu spielen.
In einer kanadischen ADHS-Ambulanz wurden bei 1.516 überwiegend männlichen Patienten im Alter von sechs bis 17, durchschnittlich neun Jahren (61,1 % mit ADHS-Diagnose) die Schwere der ADHS-Symptome, die Prävalenz von Depressions-, Reizbarkeits- und Angstsymptomen sowie die Suizidalität (Composite- Score aus Suizidgedanken, -versuchen oder Selbstverletzung) mittels eigens konzipierter Fragebögen für Eltern und Lehrer erhoben.
Eltern berichteten deutlich höhere Raten an Suizidalität bei ihren Kindern als die Lehrer (12,1 % vs. 3,8 %; p < 0,001). Diese war mit der Schwere der ADHS-Symptomatik assoziiert – nach Schwere-Einschätzung sowohl der Eltern (OR: 1,10; p = 0,001) als auch der Lehrer (OR: 1,08; p < 0,002). Dies betraf ebenfalls signifikant die Hyperaktivität und – allerdings nur in der elterlichen Beurteilung – die Unaufmerksamkeit.
Der Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Suizidalität wurde allerdings zu einem jeweils sehr großen Anteil vermittelt durch die von Eltern bzw. Lehrern bewertete Depression (39,1 % bzw. 45,3 % des Gesamteffektes) und Reizbarkeitssymptome (36,8 % bzw. 38,4 % des Gesamteffektes). Eine derartige Vermittlung fand sich für die Angstsymptome nur in der Eltern-Bewertung (19,0 % der Gesamtwirkung), aber nicht in der Lehrer- Beurteilung. Eine direkte Auswirkung der ADHS-Schwere überstieg in keiner Analyse 8,3 % des Gesamteffektes. Sobald die Daten des Kollektivs auf Depression, Reizbarkeit und Angst kontrolliert wurden, ließ sich – weder nach Einschätzung der Eltern noch der Lehrer – keine signifikante direkte Wirkung der ADHS-Symptomatik auf die Suizidalität feststellen (OR jeweils 1,01; p = 0,43 bzw. p = 0,79). JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar
Diese Studie bestätigt bei Kindern und Jugendlichen den Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomatik und Suizidalität. Allerdings war diese Assoziation indirekt und offenbar vollständig durch die Symptome von Depression, Reizbarkeit und Angst vermittelt. Durch deren Erfassung im klinischen Alltag ließe sich, so die Autoren, die Suizidgefahr der pädiatrischen Patienten einschätzen. Aufgrund des Querschnittdesigns der Studie lässt sich eine Kausalität zwischen den Mediatoren und der Suizidalität nicht bestimmen.
Quelle: Levy T et al.: Attention-defificit/hyperactivity disorder (ADHD) symptoms and suicidality in children: The mediating role of depression, irritability and anxiety symptoms. J Affffect Disord 2020; 265: 200-6
ICD-Codes: F90.0
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