Menschen mit hohem Psychose-Risiko

Neuro-Depesche 4/2021

Strukturelle MRT-Veränderungen im Längsschnitt

Querschnittstudien hatten bei Menschen mit einem hohen Schizophrenie-Risiko gegenüber Gesunden hirnstrukturelle Abweichungen der grauen und weißen Substanz ergeben. Jetzt wurde in einer systematischen Auswertung von Längsschnittstudien untersucht, ob sich diese Hirnentwicklungsstörungen fortsetzen und ob sie bei Personen mit Ausbruch einer Psychose stärker ausgeprägt sind.
In 38 Studien war die graue Substanz (GM) und in 18 Studien die weiße Substanz (WM) bei 2.473 Hochrisiko-Personen und 990 gesunden Freiwilligen mittels MRT bestimmt worden. Im Durchschnitt waren die Hochrisiko-Patenten 21,4 Jahre alt und wurden über 3,4 Jahre nachverfolgt. Die Auswertung verglich die Befunde zwischen Personen mit a) psychotischen Erfahrungen (PE), b) genetischem Psychose-Risiko (GHR) und c) klinischem Psychose- Risiko (CHR) verus d) gesunden Freiwilligen. Außerdem wurden Risikopersonen mit und ohne spätere Psychose-Manifestation miteinander verglichen.
 
Graue Substanz nimmt ab
Teilweise ergaben die Studien unterschiedliche Resultate, subsummiert ergaben sich folgende Befunde: Unabhängig vom Subtyp (GHR, CHR oder PE) zeigten Hochrisiko-Personen über den Beobachtungszeitraum einen beschleunigten Rückgang der GM vor allem im temporalen sowie im frontalen, zingulären und parietalen Kortex. Bei Risiko-Personen mit Übergang zur Psychose und bei PE-Patienten, die anhaltend symptomatisch blieben, war der GM-Verlust in diesen Hirnregionen höherer Ordnung am stärksten ausgeprägt.
 
Reifung der weißen Substanz
Das Volumen der WM (und die entsprechende fraktionierte Anisotropie [FA]), das normalerweise bis zum frühen Erwachsenenalter zunimmt, stagnierte oder verringerte sich bei den Risiko-Personen sogar. Dies betraf u. a. das Zingulum, die Thalamus-Projektionen, das Kleinhirn, den re- trolentikulären Teil der Capsula interna und den Hippokampus-Thalamus-Trakt.
 
Bei Übergang zur Psychose
Bei Risiko-Personen, die eine manifeste Psychose entwickelten, wurde im Verlauf eine Reduktion der WM (und der FA) beobachtet. Dies zeigte sich u. a. im unteren und oberen fronto-okzipitalen Bündel, im Corpus callosum, im vorderen Teil der Capsula interna und der oberen Corona.
GM- und WM-Bestimmungen im Längsschnitt erlauben mit gewisser Wahrscheinlichkeit, Unterschiede zwischen Patienten mit und ohne Übergang zur Psychose festzustellen. Sie könnten einen prädiktiven Wert haben. HL
Kommentar
Psychose-Hochrisiko-Personen weisen eine gestörte Reifung der weißen Substanz (WM) und eine beschleunigte Reduktion der grauen Substanz (GM) auf. Bei Personen, die eine Psychose entwi- ckeln, ist der GM-Verlust ausgeprägt, kann sich jedoch bei Remission im frühen Erwachsenenalter normalisieren.
Quelle: Merritt K et al.: Longitudinal structural MRI findings in individuals at genetic and clinical high risk for psychosis: A systematic review. Front Psychiatry 2021;12: 620401 [Epub 2. Feb.; doi: 10.3389/fpsyt.2021.620401]
ICD-Codes: F20.9
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