COVID-19-Maßnahmen | Neuro-Depesche 7-8/2020

Soziale Isolierung gefährdet Adoleszente

Gegenüber anderen Lebensphasen zeichnet sich das Alter zwischen 10 und 24 Jahren durch eine erhöhte Sensibilität für soziale Impulse und dem Bedürfnis nach einer Peer-to-Peer-Interaktion aus. Die Maßnahmen zur physischen Distanzierung verringern die Möglichkeiten der Adoleszenten radikal. Wird diese Form der Isolation Folgen haben, wenn die Pandemiemaßnahmen, wie zu befürchten ist, länger anhalten?
Eine interdisziplinäres Team spannte über die Konsequenzen einer sozialen Deprivation im Jugendalter eine großen Bogen: Tierversuchen zufolge hat eine (extreme) soziale Isolation besonders in der Adoleszenz spezifische Effekte. Beispielsweise steigt die Dopamin-Freisetzung in Belohnungsstrukturen wie dem Nucl. accumbens, während sie im präfrontalen Kortex (PFC) sinkt. Zudem ist die serotonerge Aktivität im PFC erhöht und in Strukturen wie dem Hippocampus vermindert. Dies resultiert bei Nagern in Angst, Hyperaktivität und Aggression. Sogar die Hirnmorphologie kann sich durch ein reduziertes Aussprossen von Synapsen verändern.
Die wenigen zu dem Thema existierenden Humanstudien zeigten ebenfalls eine Zunahme an massiven Verhaltensproblemen bis hin zu Selbstverletzungen bei unfreiwilliger Isolation, z. B. bei Adoleszenten in Einzelhaft.
Allerdings besteht die Hoffnung, dass sich die eingeschränkten persönlichen Kontakte Jugendlicher durch soziale Medien und anderen digitale Formen der Interaktion weniger nachteilig auswirken. Andererseits kann exzessive Onlineaktivität u. a. Depressionen begünstigen.
Da der persönliche Kontakt mit Mimik, Gesten und Berührung offenbar nicht komplett zu ersetzen ist, fordern die Autoren in COVID-19-Zeiten zu einer erhöhten Sensibilität für die Bedürfnisse junger Menschen auf. JL
Quelle: Orben A et al.: The effects of social deprivation on adolescent development and mental health . Lancet Child Adolesc Health 2020 [Epub 12. Jun.; doi: 10.1016/S2352-4642(20)30186-3]

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