Bipolar-I-Patienten | Neuro-Depesche 4/2016

Sind Herzinfarkt und Schlaganfall wirklich häufiger?

Bipolar Erkrankte weisen diversen Studien zufolge eine erhöhte kardiovaskuläre Sterblichkeit auf. In einer populationsbasierten Kohortenstudie wurde geprüft, ob vaskuläre Ereignisse wie Myokardinfarkt und Schlaganfall bei Patienten mit einer Bipolar-I-Störung wirklich häufiger auftreten. Der Beobachtungszeitraum betrug bis zu 46 Jahre.

Anhand der Krankenakten der Jahre 1966– 1996 wurden die Raten an Myokardinfarkten (MI) und Schlaganfällen (SA) bei fast 700 Personen in Olmsted County/Minnesota erhoben, die am Rochester Epidemiology Project (REP) teilnahmen. Dabei wurden 334 Menschen mit Bipolar- I-Störung 334 alters- und geschlechtsgematchten gesunden Kontrollpersonen gegenübergestellt. Medianes Alter bei der ersten dokumentierten manischen Episode war 37 Jahre, die mediane Follow-up- Zeit betrug 18,7 Jahre.
In der Patienten- bzw. Kontrollgruppe traten 19 bzw. 21 MI sowie jeweils 29 SA auf. Einzeln betrachtet war das Risiko weder für MI noch SA unter den Patienten signifikant häufiger (Hazard Ratio: 1,39; p = 0,30 bzw. 1,57; p = 0,09). Im zusammengesetzten Endpunkt, der Zahl an tödlichen und nichttödlichen MI und SA, ergab sich bei den Bipolar- I-Patienten ein gegenüber den Kontrollen deutlich, um 54% erhöhtes Risiko (HR: 1,54; 95%-KI: 1,02–2,33; p = 0,04).
Nach Adjustierung der Daten auf initial bestehende kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Alkoholkonsum, Bluthochdruck, Diabetes und Nikotinkonsum, die in der Patientengruppe allesamt häufiger waren, betrug die Risikoerhöhung aber nur noch 19% und war nicht länger signifikant (HR: 1,19; 95%-KI: 0,76–1,86; p = 0,46). Auch die Tendenz an gehäuften MI/SA bei den vielen Patienten mit Psychosezeichen (ca. 56%) war in der adjustierten Analyse nicht signifikant (HR: 1,52; 95%-KI: 0,84–2, 78, p = 0,17). JL

Kommentar

Im Gegensatz zu einigen Registerdaten fand sich in diesem Bipolar-I-Kollektiv über längere Zeiträume kein signifikant erhöhtes MI/SA-Risiko, wenn kardiovaskuläre Risikofaktoren einberechnet wurden. Es ist unklar, ob die erhöhten Raten z. B. an Diabetes und Hypertonus der Patienten Folgen der affektiven Erkrankung sind oder schon vorher bestanden. Vermehrte inflammatorische Prozesse könnten zur vaskulären Gefährdung beitragen. Studienlimitationen sind die relativ geringe Zahl an Patienten bzw. Indexereignissen. Ferner wurden die körperliche Aktivität und die Psychopharmaka-Einnahme leider nicht erfasst.


Quelle:

Prieto ML etal.: Long-term risk of myocardial infarction and stroke in bipolar I disorder: a population-based cohort study. J Affect Disord 2016; 194: 120-7

ICD-Codes: F31.8 I64 I21

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