Hirnatrophie-Messung in den klinischen Alltag integrierbar? | Neuro-Depesche 3/2019

SIENA und icobrain long im Vergleich

Zertifizierte Fortbildung

Bei der MS korreliert die erhöhte Hirnatrophie-Rate mit der Zunahme der körperlichen und kognitiven Behinderung stärker als die üblichen MRT-Befunde zur Läsionslast im Gehirn. Die Ergebnisse zweier Auswertungsverfahren wurden miteinander verglichen.

Im Jahresabstand wurden bei 102 MS-Patienten mit demselben 3T-Scanner dreidimensionale (3D) T1-gewichtete und zweidimensionale (2D)-/3D-Fluid-attenuated inversion- recovery sequences (FLAIR)-Aufnahmen angefertigt. Zur Auswertung kamen die als Freeware erhältliche Auswertungssoftware Structural Image Evaluation using Normalisation of Atrophy (SIENA) und die kommerzielle, als Medizinprodukt zugelassene vollautomatisierte Software icobrain longitudinal (icobrain long; früher MSmetrix) zum Einsatz.
Mit beiden Methoden wurden die prozentuale Hirnvolumenänderung (Percentage brain volume change, PBVC) und der annualisierte Hirnvolumenverlust (annualized Brain Volume Loss, aBVL) von ≥ 0,4 %, ≥ 0,8 % und ≥ 0,94 % bei den einzelnen Patienten im Paarvergleich berechnet. Zur Erinnerung: Bei Gesunden liegt der altersbedingte BVL bei 0,1 % - 0,3 % pro Jahr. Die durchschnittliche annualisierte PBVC nach icobrain long betrug - 0,59 % (± 0,65%) und nach SIENA - 0,64 % (± 0,73%). Die Werte beider Verfahren korrelierten stark miteinander (r = 0,805; p < 0,001). Sowohl die Übereinstimmung (Inclass-Korrelationskoeffizient [ICC]: 0,800] als auch die Konsistenz (ICC: 0,801) waren ausgezeichnet.
Mehr als die Hälfte der MS-Kohorte wies eine pathologisch erhöhte aBVL-Rate von ≥ 0,4% auf. Dies waren nach SIENA 55,88 % und nach icobrain long 57,84 %. Ungefähr ein Drittel der Patienten zeigte ein aBVL von ≥ 0,8 % (33,33 % bzw. 35,29 %). Die höchste aBVL-Kategorie von ≥ 0,94 % fand sich bei ca. einem Viertel der Patienten (28,43 % bzw. 23,53 %).
Während sich NEDA 3 (ohne Hirnatrophie) bei 35,29 % der Patienten feststellen ließ, war der Anteil mit NEDA 4 (plus Hirnatrophie) nicht einmal halb so groß. Erneut stimmten die mittels SIENA- und icobrain long ermittelten NEDA-4-Anteile von 15,69 % bzw. 16,67 % der Patienten relativ gut überein. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Kommentar

In dieser MS-Population aus der Real world konnte die Veränderung der Hirnatrophie im Jahresabstand mit der web-basierten Analyse-Plattform icobrain long-Auswertung (trotz einiger Unterschiede) insgesamt vergleichbar gut ermittelt werden wie mit der etablierten SIENA-Methode. Wie die Autoren betonen, stellt die Erfassung der Hirnatrophie als Biomarker für die Neurodegeneration und als Verlaufsparameter zur Therapiekontrolle beim einzelnen Patienten nach wie vor eine große Herausforderung dar. Um die Zuverlässigkeit in der klinischen Praxis zu erhöhen, ist die weitere Optimierung von MRT-Analysealgorithmen und -techniken erforderlich.

Quelle:

Beadnall HN et al.: Comparing longitudinal brain atrophy measurement techniques in a real-world multiple sclerosis clinical practice cohort: towards clinical integration? Ther Adv Neurol Disord 2019; 12 [Epub 25. Jan.; doi: 10.1177/1756286418823462]

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