Internationale MS-Übersicht | Neuro-Depesche 4/2017

Sexuelle Probleme bei der Mehrheit

Schwierigkeiten mit der Sexualität belasten gerade jüngere MS-Patienten. In einer Querschnittsstudie wurden nun mehrere tausend MS-Patienten zu sexuellen Funktionsstörungen und ihrer Zufriedenheit mit ihrem Sexualleben befragt. Für die häufigen sexuellen Problemen wurden assoziierter Faktoren identifiziert, u. a. Depression und Fatigue.

Die via Internet rekrutierten Patienten machten Angaben zu spezifischen sexuellen Funktionen anhand der vier Items der Sexual function scale (SFS) des MS Quality of Life-54-Instrumentes (MSQOL-54) sowie der sexuellen Zufriedenheit. Den Fragebogen füllten 2062 Patienten (81,1% weiblich) aus 54 Ländern aus. Sie waren durchschnittlich 45 Jahre alt, litten zu 62,8% unter einer schubförmigen MS. Mehr als die Hälfte (54,5%) berichteten mind. eine sexuelle Dysfunktion (49,7% der Männer [m] und 55,6% der Frauen [w]).
Unter den „etwas oder schwer“ problematischen Symptomen waren am häufigsten sexuelles Desinteresse mit 39,6% (m: 29,8%, w: 41,8%; p < 0,001) sowie Erektions-/Lubrifikationsstörungen bei 32,8 % (m : 40,7%; w: 30,9%). Mehr als ein Drittel (34,9%) gaben Orgasmusschwierigkeiten an (m: 30,1%; w: 36,0%) und mehr als jeder Fünfte (21,5%) Probleme, den Partner sexuell zu befriedigen, vor allem Männer (m: 28,9%; w: 19,7%; p < 0, 001).
Sexuelle Zufriedenheit in den letzten vier Wochen wurde nur von knapp der Hälfte der Patienten berichtet (n = 889; 43,7%) – ohne signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern. Sexuelle Unzufriedenheit war bei den Patienten mit sexuellen Dysfunktionen deutlich häufiger (76,1% vs. 23,9%).
Die Regressionsanalyse ergab unabhängige Zusammenhänge zwischen gestörten Sexualfunktionen und zwei demographischen Variablen: höheres Alter (Odds Ratio: 1,03; p < 0,001) und Berentung (OR: 1,54; p < 0,005). Klinische Risikofaktoren waren Depression (OR: 1,92; p < 0,001), Antidepressiva-Einnahme (1,43; p < 0,01) und Fatigue (OR: 1,61; p < 0,001). Sehr ähnlich war das Bild bei sexueller Unzufriedenheit. Zusätzlich ging eine mittlere oder schwere MS-bedingte Behinderung mit schlechteren SFS-Werten einher. Weniger sexuelle Probleme berichteten dagegen Singles (OR: 0,51) und getrennte/geschiedene/verwitwete Patienten (OR: 0,37) (je p < 0,001).
Nach Adjustierung auf Depression and Fatigue war eine gesündere Ernährung mit weniger sexuellen Störungen assoziiert und körperliche Aktivität mit einer höheren sexuellen Zufriedenheit und einem besseren SFSScore. Andere klinische oder Lifestyle-Variablen (Rauchen, BMI etc.) beeinflussten die sexuelle Sphäre offenbar nicht wesentlich. HL

Kommentar

In dieser Befragung litt jeweils die Mehrheit der MS-Patienten an sexuellen Funktionsstörungen und war mit ihrem Sexualleben nicht zufrieden. Insbesondere Depression und Fatigue trugen dazu maßgeblich bei. Unabhängig davon fanden sich aber auch modifizierbare Risikofaktoren wie Ernährung und körperliche Aktivität. Die Autoren sehen für diese Faktoren ein gewisses präventives und therapeutisches Potenzial und fordern die behandelnden Ärzte auf, mit den Patienten auch diese oft tabuisierten Krankheitsaspekte zu thematisieren.

Quelle:

Marck CH et al.: Sexual function in multiple sclerosis and associations with demographic, disease and lifestyle characteristics: an international cross-sectional study. BMC Neurol 2016; 16(1): 210 [Epub 4. Nov.; doi: 10.1186/s12883-016-0735-8]

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