Kombinierte Quer- und Längsschnittstudie | Neuro-Depesche 11/2018

Sagen die OCT-Befunde kognitive Verschlechterungen voraus?

Wie lassen sich Patienten mit einer auf eine Demenzentstehung hinweisenden kognitiven Verschlechterung frühzeitig erkennen? Dem dafür notwendigen Screening könnte die Untersuchung der Dicke der Retinal Nerve Fiber Layer (RNFL) mittels optischer Kohärenztomographie (OCT) dienen. Dafür sprechen Ergebnisse aus der großen bevölkerungsbasierten Kohortenstudie UK Biobank.

Im Jahre 2006 wurden 32 038 gesunde Menschen im Alter zwischen 40 und 69 Jahren eingeschlossen. Alle unterzogen sich initial einer OCT und vier kognitiven Tests (Gedächtnis, Denkfähigkeit). Explizit ausgeschlossen waren Menschen mit Augenerkrankungen, Diabetes und neurodegenerativen Erkrankungen. Die kognitive Testung wurde bei 1251 Teilnehmern (3,9%) nach etwa drei Jahren wiederholt.
Primärer Studienendpunkt war die Korrelation zwischen RNFL-Verdünnung und der Wahrscheinlichkeit (Odds ratio, OR) für ein kognitives Test-ergebnis in der niedrigsten (schlechtesten) 5. Perzentile (Quintile) in mindestens 2 von 4 Tests zu Baseline bzw. eine Verschlechterung in mindestens einem Test beim Follow-up. Die Zusammenhänge zwischen OCT-Befund und Kognition wurden u.a. adjustiert auf Alter, Geschlecht, Rasse/Ethnie, Bildungsstand und sozioökonomischen Status sowie Körpergröße und intraokulären Druck.
Die Arbeitshypothese wurde betätigt: Unter den 32.038 zu Baseline untersuchten Personen (durchschnittliches Alter 56,0 Jahre, 53,6% Frauen) ging eine dünnere RNFL mit einer schlechteren kognitiven Leistung einher: In der auf mögliche beitragende Faktoren kontrollierten multivariable Regressionsanalyse zeigte sich, dass die Personenen in der Quintile mit den geringsten RNFL-Werten eine um 11% erhöhte Wahrscheinlichkeit aufwiesen, mindestens in einem kognitiven Test zu scheitern (OR: 1,11; 95%- KI: 2,0%–2,1%; p = 0,01).
Die Assoziation traf auch auf den weiteren Verlauf zu: Die Follow-up-Untersuchungen (n = 1251) ergaben, dass die Teilnehmer der beiden Quintilen mit der geringsten RNFL-Dicke eine fast doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit aufwiesen, sich in mindestens einem kognitiven Test-Score verschlechtert zu haben (Quintile 1 OR: 1,92; 95%-KI: 1,29–2,85; p < 0,001; Quintile 2 OR: 2,08; 95%-KI: 1,40–3,08; p < 0,001). Pro RNFL-Quintile ergab sich ein um 18% größeres Risiko für einen kognitiven Abbau der Probanden im Dreijahres-Follow-up (95%-KI: 8%–29%; p < 0,001). JL

Kommentar

Auch bei Menschen ohne eine neurodegenerative Erkrankung geht eine verdünnte RNFL mit schlechteren kognitiven Leistungen einher – sowohl im Querschnitt als auch, was die weitere Verschlechterung angeht. Angesichts des Fehlens therapeutischer Möglichkeiten bei Patienten mit manifester Demenz werden gegenwärtig die Behandlungsaussichten mit neuen Medikamenten bei Patienten in frühesten, „präklinischen Stadien“ der Alzheimer-Demenz geprüft. Hier könnten die (nichtinvasiven) OCT – zumindest auf Gruppenebene – eine Rolle spielen und damit der Entwicklung präventiver Behandlungen dienen.


Quelle:

Ko F et al. für das UK Biobank Eye & Vision Consortium: Association of retinal nerve fiber layer thinning with current and future cognitive decline: a study using optical coherence tomography. JAMA Neurol 2018 [Epub 25. Juni; doi: 10.1001/jamaneurol.2018.1578]

ICD-Codes: G30.9

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