Übersichtsarbeit | Neuro-Depesche 10/2015

Psychogene Anfälle erkennen und managen

Zertifizierte Fortbildung

Epileptologen der University of Philadelphia befassten sich in einem Review mit Soziodemographie, Diagnose, Therapie und Prognose psychogener Krampfanfälle. Diese sind keineswegs eine Rarität – und stellen ein komplexes, herausforderndes Phänomen dar.

Psychogenic Nonepileptic Seizures (PNES) werden definiert als paroxysmale Veränderungen von Ansprechbarkeit, Bewegungen oder Verhalten, die wie epileptische Anfälle erscheinen, aber keinen neurobiologischen Ursprung haben und auch keine klassischen EEG-Zeichen zeigen.

Inzidenz, Alter und Geschlecht

Berichten zufolge leiden 5%–10% aller ambulant und 20%–40% aller stationär in einem Zentrum behandelten Patienten unter PNES. Ihre Inzidenz wurde in drei Studien auf 1,4 bis 4,9 pro 100 000 Jahre geschätzt, die Prävalenz liegt einer relevanten Studie zufolge zwischen 2 und 33 pro 100 000 Einwohner.

PNES können in jedem Lebensalter auftreten, doch das übliche Manifestationsalter ist das frühe Erwachsenenleben, etwa bis zum 33. Lebensjahr. Frauen scheinen deutlich häufiger betroffen zu sein als Männer; diverse Studien ergaben Raten von 2,2:1 bis 3,4:1. Die Semiologie der Anfälle zeigt keine geschlechterspezifischen Unterschiede.

Diagnose

Im Rahmen der notwendigen multidisziplinären Untersuchung hat sich das iktale Video-EEG als die zuverlässigste Maßnahme zur PNES-Diagnose erwiesen. Zu beachten ist aber, dass nicht alle epileptischen Anfälle sichtbare EEG-Veränderungen erzeugen (z. B. einige Frontallappen- Epilepsien) und es auch eine Komorbidität der PNS mit epileptischen Anfällen gibt.

Auslösende Faktoren und Komorbidität

Die PNES-Population ist sehr heterogen, die Betroffenen scheinen u. a. häufiger ein Schädel- Hirn-Trauma oder eine andere Hirnverletzung erlitten zu haben und häufiger als Kind sexuell oder körperlich missbraucht worden zu sein. Andere von Fall zu Fall beitragende Faktoren sind vielgestaltig, so scheint eine Assoziation zu bestehen zu Unfällen, Verletzung, Operationen, Tod Nahestehender, Trennung von Partnern/Familienangehörigen, Arbeitsplatzverlust, Geburt, Naturkatastrophen und vielem mehr. Angst und Depression können die PNES fördern.

Zur Komorbidität von PNES und echten epileptischen Anfällen liegen Angaben von 5%– 50% vor. Eine genauere Angabe ist derzeit nicht möglich. Achtung: Interiktale Spikes im EEG, oft als das Vorliegen einer Epilepsie gedeutet, kommen auch bei anderen Erkrankungen und sogar bei Gesunden vor.

Prognose und Mortalität

Im Gegensatz zu epileptischen Krämpfen sistieren die meisten PNES, sobald die Diagnose gestellt wird. Doch unter Langzeitbedingungen ist davon auszugehen, dass sie bei etwa 60%–70% der Betroffenen andauern, oft über viele Jahre.
Die Mortalität scheint leicht erhöht, bei schottischen Erwachsenen betrug sie 0,58% vs. 0,41% pro Jahr. Dies könnte teilweise auf spezifischen Reaktionen der PNES-Betroffenen auf körperliche Krankheiten und/oder einer möglicherweise erhöhten Suizidrate beruhen. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Quelle:

Asadi-Pooya AA, Sperling MR: Epidemiology of psychogenic nonepileptic seizures. Epilepsy Behav 2015; pii: S1525-5050(15)00120-1 [Epub 13. Apr. 2015; doi: 10.1016/j.yebeh.2015.03.015]

ICD-Codes: G40.8

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