34. ECTRIMS, 10. bis 12. Oktober in Berlin | Neuro-Depesche 11/2018

Progression der MS verhindern, die Lebensqualität erhöhen

Ende Oktober fand der 34. Kongress des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) in Berlin statt. Neben neuen Daten zur Wirksamkeit und Verträglichkeit etablierter Medikamente bildeten kognitive Probleme, Depression und Fatigue einen Schwerpunkt, neue Behandlungsansätze einen anderen.

Hier einige Beiträge, zumeist nach den Late Breaking News am letzten Kongresstag.

Neue Evidenz für EBV: 100%

Es gibt eine überwältigende Zahl von Hinweisen, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) eine ursächliche Rolle für die MS spielt. Dagegen spricht die Existenz von Patienten, die EBV-Antikörper-negativ sind, diese Infektion also offenbar nicht durchgemacht haben. Klemens Ruprecht, Charité Berlin, und Kollegen haben nun in einer groß angelegten Studie bei 901 Patienten mit CIS oder RRMS genauer hingeschaut: Seropositiv für das EB-nukleäre Antigen-1 (EBNA-1) waren im ersten Test (Chemilumineszenz-Assay, CLIA) 839 der 901 Patienten. Unter den 62 EBNA-1-Ak seronegativen Patienten fanden sich in einem weiteren CLIA bei 45 Ak gegen das Viral Capsid Antigen (VCA). Und bei den jetzt noch verbleibenden 17 Patienten schlug der Immunoblot zu EBV-IgG aus. Somit waren 100% dieser CIS-/RRMS-Patienen EBV-seropositiv. Dies impliziert Ruprecht zufolge u. a., bei allen EBV-seronegativen Patienten mit entzündlichen ZNS-Veränderungen eine andere Erkrankung als die MS in Betracht zu ziehen.

MS-SMART endet negativ

Wie Jeremy Chataway, University College London, berichtete, konnte die mehrarmige multizentrische Phase-IIb-Studie MS-SMART zur Hirnatrophie bei 445 Patienten mit einer sekundär-progressiven MS erfolgreich durchgeführt werden – die Ergebnisse waren aber allesamt negativ. Keiner der potenziell protektiven Wirkstoffe – das kaliumsparende Diuretikum Amilorid, der SSRI Fluoxetin und das bei ALS eingesetzte Riluzol – konnte den Hirnparenchymverlust gegenüber Placebo über 96 Wochen signifikant bremsen. Auch in keinem der zahlreichen sekundären Endpunkte wie neuen MRT-Läsionen oder den kognitiven Leistungen der Patienten waren die Prüfsubstanzen Placebo überlegen.

Depression und Lebensqualität

Für mehr psychotherapeutische Interventionen bei MS-Patienten spricht eine kleine türkische Studie (n = 80): Für die gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQoL) entscheidend waren der Regressionsanalyse zufolge Behinderung (EDSS), Selbstwertgefühl (Rosenberg Self-Esteem Scale) und Depression (Hospital Anxiety and Depression Scale). Zusammen erklärten sie 41% der Varianz für eine schlechte HRQoL. Dass dabei der Selbstwert die Relation zwischen Depression und HRQoL moderierte, spricht für die Beeinflussbarkeit durch Psychotherapien (und dafür, dass eine Antidepressiva- Behandlung möglicherweise nicht reicht).

BTKI in Phase II erfolgreich

Die Hemmung der Brutontyrosinkinase (BTK) führt zu einer verminderten B-Zell-Aktivierung und B-Zell-/T-Zell-Interaktion. Für den hochspezifischen oralen BTK-Inhibitor (BTKI) Evobrutinib (Merck) ergab sich in einer Phase-II-Studie bei Patienten mit schubförmiger MS (RMS) ein erster klinischer Proof-of-Concept, wie Xavier Montalban, Toronto, berichtete. Von den 267 randomisierten Patienten schlossen 244 (91%) die 24-wöchige Behandlung der 48-wöchigen Studie ab. Die durchschnittliche Zahl an Gd+-T1-Läsionen/Scan (= primärer Endpunkt) betrug 3,85 (Placebo), 4,06 (25 mg/d), 1,69 (75 mg/d) und 1,15 (150 mg/d). Das „Läsionsraten-Verhältnis“ für Gd+-T1-Läsionen betrug in den beiden höheren BTKI-Dosen 0,30 (p = 0,0015) und 0,44 (p = 0,0313). Zudem ergaben sich Hinweise auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung (Trend: p = 0,0011). Die ARR-Reduktion verfehlte dabei die Signifikanz (p = 0,090 bzw. p = 0,063). Von Leberenzym-Erhöhungen (unter 1 x/2 x tägl. 75 mg/d) abgesehen war Evobrutinib gut verträglich, so Montalban, starke Lymphopenien oder Infektionen traten nicht auf.

Satralizumab bei NMOSD

Gute Neuigkeiten für Patienten mit einer Neuromyelitis optica spectrum disorder (NMOSD): Takashi Yamamura, Tokio, präsentierte die Ergebnisse der Doppelblindstudie SAkuraSky zu einem neuen monoklonalen Interleukin-6-Rezeptor-Antikörper. Bei den 41 zu Satralizumab (120 mg s.c.) als Add-on (zu Kortikosteroiden, Azathioprin etc.) randomisierten Patienten wurde die jährliche Schubrate gegenüber Placebo signifikant verringert. Nach 48 Wochen waren ohne einen neuen Schub 88,9% vs. 66,0% und nach 96 Wochen 77,6% vs. 58,7%. Letzteres enstpricht einer signifikanten Reduktion um 62% (p = 0,0184). In der Subgruppe mit Antikörpern gegen Aquaporin 4 (n = 55) war das relative Risiko für einen Schub um 79% verringert, und in der Gruppe der AQPO4-negativen Patienten (n = 28) immerhin noch um 34%. Die Nebenwirkungen lagen weitgehend auf Placebo-Niveau. Die Ergebnisse sind umso wichtiger, so Yamamura in Berlin, als für die NMOSD bislang keine spezifischen Behandlungen existieren.

McDonald-Kriterien 2017

Mehrere Vergleiche der McDonald-Kriterien 2010 und 2017 zeigen, so Jaqueline Palace, Oxford, auf der Clinical Highlights Session, dass die Sensitivität für eine MS-Diagnose bei KIS-Patienten nun deutlich erhöht und die Spezifität − vor allem durch Einschluss der Oligoklonalen Bande (OCB) − vertretbar gering reduziert ist. Um die 20% mehr KIS-Patienten, so einige Studien, können jetzt eine MS-Diagnose erhalten − und ggf. früher behandelt werden.


ICD-Codes: G35

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