Verschiedene psychotische Erkrankungen

Neuro-Depesche 9/2006

Prämorbide Defizite erhöhen das Risiko gewaltig

Bei Schizophrenie-Patienten wurde bereits über eine prämorbide geistige Leis tungsminderung berichtet. Finnische Psychiater gingen jetzt in einer großen prospektiven Kohortenstudie der Frage nach, ob dies auch für bipolare Störungen und andere psychotische Erkrankungen zutrifft.

195 019 psychiatrisch unauffällige finnische Wehrdienstpflichtige (Durchschnittsalter 20 Jahre) unterzogen sich 1982-1987 einer Untersuchung ihrer verbalen, mathematischen und visuell-räumlichen Fähigkeiten. Bei einem Follow-up nach durchschnittlich sieben Jahren wurden im nationalen Krankenhausregister jene Teilnehmer identifiziert, die zwischenzeitlich an einer bipolarer Störung (n = 100), einer Schizophrenie (n = 621) oder einer anderen Psychose (n = 527) erkrankt waren.

Bei schlechten visuospatialen Leistungen (unterste vs. oberste von neun Leis tungskategorien) war das Risiko einer psychotischen Erkrankung deutlich erhöht: bis zu 35-fach für eine spätere bipolare Störung und 14-fach für eine spätere Schizophrenie. Andere psychotische Erkrankungen traten etwa viermal häufiger auf. Tatsächlich bestand sogar eine „Dosisabhängigkeit“: Je schlechter die Leis tung, desto höher die Erkrankungsrisiken.

Die Resultate der verbalen Tests im Alter von 20 Jahren waren mit keiner später diagnostizierten psychotischen Erkrankung assoziiert. Erstaunlicherweise gingen sehr gute Leistungen der Rekruten im (zeitabhängigen) mathematischen Test mit einem bis zum 12-Fachen erhöhten Risiko für eine bipolare Störung einher. Der Grund dafür ist unbekannt; es kann spekuliert werden, dass Zusammenhänge mit einer beschleunigten Psychomotorik bestehen, wie sie in manischen Zuständen angetroffen wird.

Quelle: Tiihonen, J: Premorbid intellectual functioning in bipolar disorder and schizophrenia: results from a cohort study of male conscripts, Zeitschrift: AMERICAN JOURNAL OF PSYCHIATRY, Ausgabe 162 (2005), Seiten: 1904-1910
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