Hochdosiertes Biotin bei progressiver MS

Neuro-Depesche 5/2015

Pilotstudie zeigt einige Erfolge

Zertifizierte Fortbildung

Die Therapiemöglichkeiten bei einer primär oder sekundär chronisch progressiven MS sind äußerst begrenzt. Französische Neurologen untersuchten nun in einer kleinen offenen, nicht-kontrollierten Pilotstudie die mögliche klinische Wirksamkeit und die Sicherheit von hochdosiertem Biotin.

Die 23 Patienten mit primär oder sekundär progressiver MS (14 mit PPMS, 9 mit SPMS) aus drei MS-Referenzzentren erhielten über zwei bis 36, durchschnittlich 9,2 Monate median 300 mg/d Biotin (empfohlene Tagesmenge: 30–60 μg). Die Beurteilung der Wirkung erfolgte anhand der Parameter, die die jeweils vorherrschende Symptomatik erfassten.
Insgesamt profitierten 21 der 23 Patienten (91,3%) von einer gewissen quantitativen und/oder qualitativen klinischen Verbesserung. – Bei vier Patienten mit prominenter Visusschwäche, die von einer Läsion des N. opticus herrührte, besserte sich die Sehschärfe nach drei Monaten unter 300 mg/d Biotin signifikant. Die visuell evozierten Potentiale (VEP) bei zwei dieser Patienten zeigten ein Wiederauftreten der P100-Wellen, in einem Fall sogar mit einer Normalisierung der Latenzzeiten. Die Protonen-gewichtete Magnetresonanz-Spektroskopie (HMRS) ergab in einem Fall außerdem eine Normalisierung der Cholin/Creatin-Rate nach neun Monaten.
Ein Patient mit einer homonymen Hemianopsie zeigte im Zeitraum ab dem zweiten Monat nach Behandlungsbeginn in der Perimetrie eine deutliche Besserung. 
16 der 18 Patienten (89%) mit einer prominenten Rückenmarkbeteiligung und progressiver Para- oder Tetraparese wurden anhand von Gehstrecke, EDSS, TW25 und/oder Muskelkraft als in klinisch relevantem Umfang gebessert beurteilt. Die Verbesserung trat jeweils mit einer Verzögerung um zwei bis acht Monate nach Therapiebeginn ein.
Überlagernde Schübe fanden sich bei 13% der Patienten, ihre Rate wurde gegenüber der Zeit vor der Therapie nicht reduziert. Bei immerhin 22% besserte sich der EDSS um einen bzw. (ab initialem EDSS ≥ 6) um einen halben Punkt. Weitere sich unter Biotin verringerte Beschwerden betrafen u. a. Fatigue in fünf Fällen, Schluckschwierigkeiten in vier und Dysarthrie in drei Fällen sowie sensible Symptome, Gangataxie und Miktionsbeschwerden bei je zwei Patienten.
Nur in zwei Fällen trat (vorübergehend) eine Diarrhoe als Nebenwirkung auf. JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

KOMMENTAR
Diesen vorläufigen Daten zufolge könnte hochdosiertes Biotin auf das Fortschreiten der chronisch progressiven MS und die zunehmende Behinderung wirken. Biotin ist ein Vitamin, das als Koenzym u. a. der Carboxylase dient und damit an essentiellen Schritten der Fettsäure-Synthese und des Energiestoffwechsels beteiligt ist. Für die MS-Pathomechanismen könnte Biotin auch dadurch relevant sein, dass es die acetylCoA-Carboxylase aktiviert, ein potentiell limitierendes Enzym der Myelin-Synthese.
Derzeit laufen noch zwei placebokontrollierte Doppelblindstudien, in denen hochdosiertes Biotin klinische geprüft wird. Zwischenzeitlich hat eine beim AAN-Kongress 2015 in Washington vorgestellte französische Phase-III-Studie an 154 chronisch progressiven MS-Patienten einen leichten, aber signifikanten Einfluss von 300 mg/d Biotin auf die Behinderungsprogression ergeben. Näheres dazu im AAN-Kongressbericht in der Juni-Ausgabe der Neuro-Depesche.
Quelle:

Sedel F et al.: High doses of biotin in chronic progressive multiple sclerosis: A pilot study. Mult Scler Relat Disord 2015; 4(2): 159-69

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