Zeitbombe Demenz | AP 6/2004

Patienten mit Alzheimer-Demenz möglichst frühzeitig erkennen

Frühe medikamentöse Therapie von Patienten mit Demenz vom Alzheimer-Typ könnte viel Leid für die Betroffenen und enorme Kosten für die Gesellschaft abwenden. Eine spezifische Diagnose ist möglich. Bei der Erkennung der Frühsymptome sind Hausärzte gefordert.

Deutschland vergreist: Im Jahr 2030 wird jeder dritte Deutsche älter als 60 Jahre sein. Rasant wächst die Zahl der an Demenz Erkrankten: Dies sind heute bis 5% bei den 70-Jährigen, bis 20% bei den 80-Jährigen und über 30% bei den 90-Jährigen. Schon heute leiden in Deutschland ca. 650 000 Menschen an der häufigsten Demenzform, der Alzheimer-Krankheit. Dies bedeutet nicht nur millionenfaches Leid für Patienten und ihre pflegenden Angehörigen. Die Heimunterbringung von Alzheimer-Kranken schlägt schon heute mit schätzungsweise zehn Milliarden Euro zu Buche. Durch eine konsequente medikamentöse Therapie könnte die Zahl der Patienten, die nur noch im Pflegeheim zu versorgen sind, deutlich reduziert werden. Für Cholinesterasehemmer (z. B. Donepezil, Rivastigmin und Galantamin) ist eine symptomatische Wirkung nachgewiesen, so Priv.-Doz. Harald Hampel, München. Kontrollierte Studien zeigten, dass Patienten von der cholinergen Therapie in allen Krankheitsstadien profitieren. Langzeitdaten belegen Verbesserungen in Verhalten, Kognition und Aktivitäten des täglichen Lebens. Die Heimeinweisung kann um ein bis zwei Jahre hinausgezögert werden. Damit können Patienten nicht nur länger in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Eine vierjährige Therapie mit effektiven Medikamenten wie AChE-Inhibitoren verzögert die Heimeinweisung um ein bis zwei Jahre und kostet insgesamt ca. 7300 Euro (5 Euro pro Tag). Angesichts 40 000 Euro Pflegeheim-Kosten pro Patient und Jahr ließen sich durch konsequente medikamentöser Behandlung unterm Strich 32 000 Euro pro Patient einsparen, rechnet Dr. Christian Lenz, von Pfizer vor. Allerdings erhalten heute nur 63 000 Alzheimer-Kranke eine effektive Therapie mit AChE-Inhibitoren. Ohne rechtzeitige Diagnosestellung keine Therapie. Leitsymptom kognitiver Leistungsstörungen ist das beeinträchtige Neugedächtnis: Neue Informationen werden schlecht gespeichert und abgerufen. Die signifikante Gedächtniseinbuße kennzeichnet auch das Mild Cognitive Impairment (MCI), bei dem aber sonstige kognitive Funktionen und die Alltagskompetenz erhalten bleiben. Entwickelt sich ein Demenzssyndrom, treten - gemäß ICD 10 - zu den Gedächtnisstörungen weitere Einbußen und Verhaltensänderungen, die sich kontinuierlich verschlechtern und letztlich die Selbstständigkeit im Alltag aufheben. Bei der Alzheimer-Demenz ist mit Einschränkungen zu rechnen bei: - Denk- und Urteilsvermögen, - Sprache (Wortfindung), - räumlicher Leistung (Einparken, Krawatte binden) - zeitlicher Orientierung. Einige Parameter fragen gängige Screeningtests wie der Mini-Mental-Status-Test ab. Sie können auch von einer angelernten Kraft in wenigen Minuten mit dem Patienten durchgeführt werden, belasten ihn wenig und ergeben mit hoher Wahrscheinlichkeit auffällige Punktwerte auch im frühen Demenzstadium. Die Kurztests geben aber keine Auskunft über Veränderungen der Persönlichkeit oder des Verhaltens (Rückzugstendenzen, mangelnde Rücksichtnahme etc.), die ebenfalls zur Demenzdiagnose gehören. Daher ist das Befragen der Bezugspersonen ein wichtiger anamnestischer Baustein, betont Hampel. Abzugrenzen von Morbus Alzheimer sind andere progrediente Enzephalopathien wie vaskuläre Demenzen, Morbus Parkinson, Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, aber auch depressive Erkrankungen (vgl. Kasten S. 12). Als Testinstrument für letztere eignet sich die Geriatrische Depressions-Skala (GDS) nach Yesavage, ein Selbstbeurteilungsbogen mit 15 Fragen. Fortschritte macht die spezifische vorklinische Alzheimer-Diagnostik. Derzeit wird eine Kombination aus Liquordiagnostik und bildgebenden Verfahren evaluiert. Zum einen lassen sich Biomarker im Nervenwasser messen. Gesamt-Tau-Protein und Beta-Amyloid 1-42 zeigen die Neurodestruktion an. Insbesondere das an Threonin 231 phosphorylierte Tau-Protein ist ein möglicherweise spezifischer Marker für Alzheimer-Demenz, der sehr früh im Verlauf der Erkrankung auftritt. Zum anderen erlauben bildgebende Verfahren heutzutage eine Positivdiagnose der Alzheimer-Krankheit. Charakteristische Veränderungen wie z. B. der Substanzverlust im Bereich von Hippokampus und entorhinalem Kortex lassen sich mit Hilfe der Kernspintomographie (MRT) darstellen wie der typische Faserverlust im Corpus callosum. In Kombination mit Verfahren, die die eingeschränkte Stoffwechselaktivität in relevanten Hirnbereichen visualisieren, lässt sich die Diagnose Alzheimer-Demenz mit einer Spezifität und Sensitivität von mindestens 90% stellen. (RS)

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