Neuro-Depesche

Parkinson in COVID-19-Zeiten

Derzeit widmen sich zahlreiche Publikationen dem Zusammenhang von COVID-19-Infektion und Morbus Parkinson – mit vielen Vermutungen und wenigen Daten. Angesichts des vermutlich noch lange notwendigen Infektionsschutzes („Social distancing“), der sich auch auf die Arztbesuche auswirkt, wird die Telemedizin noch stärker an Bedeutung gewinnen. 

COVID-19 ist anders als z. B. Polio kein neurotropes Virus, seine Effekte sind primär nicht neurologisch. Sekundär können aber durchaus zerberovaskuläre und andere neurologische Symptome auftreten. Anekdotisch wurde u. a. von Fällen mit Basalganglien-Beteiligung und postenzephalitischem Parkinsonismus berichtet. Im Vergleich mit der klassischen Influenza scheint das Schlaganfallrisiko bei COVID-19-Infizierten deutlich erhöht.

Erhöhte Vulnerabilität für die Infektion?

Die a-Synuclein-Aggregation führt bei Parkinson-Patienten zur Mikroglia-Aktivierung, oxidativem Stress und Neuroinflammation. Potenziell fördert die Infektion mit COVID-19 diese Prozesse (evtl. durch die Blockade der auch im Hirn exprimierten Angiotensin-converting enzyme 2 [ACE2]-Rezeptoren), so dass einerseits das Erkrankungsrisiko erhöht und andererseits die Progression beschleunigt sein könnte. Bisherige Daten, z. B. aus Italien, zeigen bislang keine erhöhte Vulnerabilität von Parkinson-Patienten für die Infektion. Der zu Beginn der Infektion vielfach vor-
handene Geruchs- und Geschmacksverlust ist insofern interessant, als das olfaktorische System eine Entrittspforte für das COVID-19-Virus darstellt – und Riechstörungen auch nicht-motorische Frühsymptome (NMS) des Parkinson-Syndroms sind.

Symptomverschlechterung verschleiert Infektion

Neurologen berichten jetzt über zwei Patienten mit Tiefenhirnstimulation (STN-DBS), die sich plötzlich rasant verschlech­terten. Ohne Fieber oder andere Infektionssymptome kam es in den beiden Fällen zu motorischen Verschlechterungen, Haltungsinstabilität, Stürzen sowie Sprech- und Schluckstörungen. Erst Tage später entwickelte sich ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS), an dem die – ­inzwischen positiv auf COVID-19 getesteten – Patienten verstarben.

Diese Kasuistiken weisen darauf hin, dass sich die Folgen der Virusinfektion als eine Parkinson-Verschlimmerung darstellen können. Bekanntlich kann COVID-19 auch Müdigkeit, Anosmie, Hitzewallungen und schmerzhafte Gliedmaßen auslösen, die zum Spektrum der NMS zählen. Es bedarf nun systematischer Studien, um die Effekte von COVID-19 auf die Klinik und z. B. auch auf die Sterblichkeit der Parkinson-Patienten zu bestimmen.

Telemedizin im Aufwind - praktische Empfehlungen

Die Ressourcen-schonende Telemedizin hat sich schon in Prä-Corona-Zeiten immer weiter verbreitet. Zu den Tools gehören einfache Telefonanrufe, Kontakt per E-Mail oder Textnachricht sowie – bei Bewegungsstörungen besonders wertvoll – Video-Visiten. Die Telemedizin ist persönlichen Arztkontakten nicht überlegen, geht aber der Studienlage nach mit zumindest vergleichbaren ­Behandlungsergebnissen einher. 

Die Telemedicine Study Group der Movement Disorders Society (MDS) hat jüngst eine „Schritt-für-Schritt-Anleitung“ erstellt und bietet zudem ein Webinar zu den telemedizinischen Herausforderungen in Zeiten der COVID-19-Pandemie an. Veröffentlicht wurden auch schon folgende Empfehlungen zur Betreuung von Patienten mit Morbus Parkinson und anderen Bewegungsstörungen.

Fazit: Es ist sicher nicht die Zeit, "Neurologen an die Front" zu rufen, wie es manche Publikationen suggerieren. Dass die ganz überwiegend älteren, oft komorbiden Parkinson-Patienten während der COVID-19-Pandemie einer aufmerksamen Betreuung bedürfen, sollte selbstverständlich sein.  

 

Empfehlungen für Patienten mit Morbus Parkinson und anderen Bewegungsstörungen

• Alle derzeitigen allgemeinen Maßnahmen zur sozialen Distanzierung müssen streng und sorgfältig angewendet werden. 

• Das Krankenhäuser leider eine Quelle weiterer Infektionen darstellen, sollten Patienten einen (nicht dringenden) stationären Aufenthalt vermeiden oder verschieben.

• Elektive DBS-Operationen sollten nach Möglichkeit ebenfalls verschoben werden.

• Ambulante Besuche sollten durch telemedizinische Tools ersetzt werden, persönliche Kontakte sollten nur erfolgen, wenn beispielsweise die DBS (Programmierung, Batterieversagen) oder eine Pumpenbehandlung angepasst werden muss.

• Der für eine Botulinumtoxin-Therapie erforderliche direkte Patientenkontakt sollte nach sorgfältiger Abwägung des Bedarf erfolgen. Dabei ist eine angemessene persönliche Schutzausrüstung zu gewährleisten.

• Eine Quarantäne kann Parkinson-Patienten von einem aktiven Lebensstil abhalten, der ohnehin oft durch bereits bestehende Probleme (mangelnde Motivation, körperliche Behinderung, Stimmungsprobleme etc.) beeinträchtigt ist. Die Patienten sollten zu Virtual-Reality- und anderen Heimübungs-Instrumente ermutigt werden.

• Im Falle einer COVID-19-Infektion muss (wie bei jeder Art von Pneumonie) die Weiterbehandung mit Parkinson-Medikamenten, insbesondere mit L-Dopa, sichergestellt werden, um Rigidität und Kontrakturen zu vermeiden, die zur verminderten Vitalkapazität und einem reduzierten maximalen exspiratorischen Atemfluss führen können.

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