93. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), 4. - 7. 11. 2020

Neuro-Depesche 11-12/2020

Online jede Menge geboten

Der diesjährige virtuell abgehaltene 93. DGN-Kongress hatte mehr als 6.500 Besucher. Nach gewissen technischen Schwierigkeiten mit dem Log-in, die von mehreren Kollegen berichtet wurde, stellte sich der Online-Kongress sehr professionell dar. Das gewohnt breite Themenspektrum umfasste mit einem gewissen Schwerpunktcharakter die Multiple Sklerose, die Neuromyelitis-optica- Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) und natürlich den Schlaganfall. Mit der Umstellung von „physisch“ auf „virtuell“ geht nicht zuletzt der Vorteil einher, dass sich etliche aufgezeichnete Veranstaltungen im Nachhinein online verfolgen lassen.
Hier aus einzelnen Vorträgen und aus der Spotlight-Abschlusssitzung am letzten Kongresstag einige diskutierte Themen.
 
COVID-19-Komplikation Schlaganfall
Zu thromboembolischen Komplikationen einer COVID-19-Infektion ist die Datenlage sehr heterogen. Die Inzidenz ischämischer Hirninfarkte dürfte im niedrigen einstelligen Bereich, bei etwa 1,5 % (bis 5 %) liegen, fasste PD Dr. Jan F. Scheitz, Berlin, mehrere DGN-Vorträge zusammen. Ob sie tatsächlich höher ist als bei anderen Infektionskrankheiten oder Critical illnesses, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Wesentliche Pathomechanismen sind eine Aktivierung der Gerinnung durch die inflammatorische Antwort bzw. in einigen Fällen ein Antiphospholipid- Antikörper-Syndrom. Diese begründen auch die Notwendigkeit der Thromboseprophylaxe und der frühen Antikoagulation, die heute breit eingesetzt werden.
 
Schlaganfall-Versorgung beeinträchtigt?
In der frühen Pandemiephase im Frühjahr 2020 war die Schlaganfallbehandlung deutlich reduziert, in den Krankenhäusern wurden 10 % – 15 % weniger Patienten behandelt, so Scheitz. Allerdings ergab eine Auswertung der German Stroke Registry (GSR-ET), die mittlerweile mehr als 6.600 Patienten umfasst, im Vergleich von 2019 und 2020 nach einer Thrombektomie ein vergleichbares funktionelles Outcome. Dies zeigt, „dass wir eine sehr robuste Thrombektomie-Versorgung in Deutschland haben, auf die COVID-19 keinen wesentlicher Einfluss hat“.
 
Erweitertes Therapiespektrum bei NMOSD
„Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Ära der Behandlung der NMOSD“, sagte Prof. Ingo Kleiter, Marianne-Strauß-Klinik, Berg. Die älteren, unspezifisch immunsuppressiv wirkenden Substanzen Mycophenolatmofetil, Azathioprin und Methotrexat besitzen keine Evidenz aus RCT, haben bei Langzeitanwendung teils gefährliche Nebenwirkungen und werden – ebenso wie Rituximab und Tolicicumab – allesamt off-label eingesetzt. Dagegen weisen die neuen Antikörper im Hinblick auf den Pathomechanismus spezifischere, teils hochspezifische Wirkmechanismen auf. Dies gilt für den 2019 hierzulande zur Therapie von NMOSD-Patienten mit Aquaporin 4(AQP4)-Nachweis zugelassenen, gegen den Komplementfaktor C5 gerichteten Antikörper Eculizumab ebenso zu wie für Inebilizumab und Satralizumab. Diese beiden – bereits von der FDA, aber noch nicht von der EMA zugelassenen – Antikörper, die gegen CD19-B-Zellen bzw. gegen den Interleukin (IL)-6 Rezeptor gerichtet sind, haben sich wie Eculizumab bei einem guten, beherrschbaren Sicherheitsprofil in der Schubreduktion als hochwirksam erwiesen, besonders bei AQP4-positiver NMOSD. Während er für den Einsatz der neuen Therapien plädierte, sprach sich als Gegenpart Prof. Tania Kümpfel, für die NMOSD-Therapie mit den „alten“ Medikamenten aus.
 
Neues zur Epilepsie
Unter den medikamentösen Therapien der Epilepsie hob Prof. Rainer Surges, Bonn, in der Spotlight-Sitzung das noch in klinischer Prüfung befindliche Ceonobamat hervor. Unter dem Antiepileptikum, das einen dualen Wirkmechanismus besitzt, sprach ein erstaunlich hoher Anteil von 64 % der Patienten an (Anfallsreduktion ≥ 50 %), während andere Antiepileptika meist nur eine Responderrate von 40 % - 50 % erreichten. Außerdem wurde knapp ein Fünftel der Patienten anfallsfrei, hob Surges hervor.
 
Hirnstimulation und mehr
Auf dem DGN-Kongress wurden natürlich zahlreiche andere Themen diskutiert, so die Frage nach der Sicherheit (oder sogar nach positiven Effekten!) von MS-Medikamenten in COVID- 19-Zeiten und nach der möglichen FDA-Zulassung von Aducanumab bei Alzheimer-Krankheit. Sehr ausgedehnt wurden die technologischen Innovationen wie Hirn- und- Rückenmarkstimulation, Telemedizin etc. auf dem Präsidentensymposium dargestellt.
 
DGN 2020 verpasst? Macht nichts!
Das gesamte Live-Programm des DGN-Kongresses und mehr als 300 Vorträge stehen allen Teilnehmer(inne)n bis Nov. 2021 als Webcasts zur Verfügung. 25 CME-Learning-Kurse sollen voraussichtlich im Dezember hinzukommen. Wer den Kongress verpasst hat, kann ihn der DGN zufolge „rund um die Uhr nacherleben“. Auch die nachträglich Anmeldung ist noch möglich. JL
ICD-Codes: U07.1 , I64 , G36.0 , G40.9 , G30.9
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