Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin ANIM 2021

Neuro-Depesche 1-2/2021

Neurologische COVID-19-Effekte

Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten diskutierten vom 21. – 23. Januar 2021 auf der Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin (ANIM) DIGITAL zahlreiche neurointensivmedizinische Themen wie das interdisziplinäre Management des zerebellären Notfalls, die minimalinvasive Therapie intrazerebraler Blutungen und die Primärversorgung des Schädel-Hirn-Traumas. Schwerpunktartig wurden die neurologischen Auswirkungen der COVID-19-Infektion und Pandemie dargestellt. Neben aktuellen Zahlen und Fakten teilten die Referenten in verschiedenen Online-Sitzungen ihre bisherigen Erfahrungen und persönlichen Ansichten.
Hier die Zusammenfassung dreier Vorträge zu den akuten und chronischen neurologischen COVID-19-Effekten.
 
Neuro-COVID akut I
Eine große Studie zeigte neurologische Symptome unspezifischer Art bei ca. 35 % und spezifischer Art bei ca. 10 % der Infizierten, schilderte Prof. Julian Bösel, Kassel. Auch Kinder sind durchaus betroffen. Eine umfassende Symptomauflistung hat die DGN (s. dort) erarbeitet. Bösel h ob d ie C OVID-assoziierte E nzephalopathie hervor, die in Abgrenzung von der (sehr seltenen) COVIDEnzephalitis eher mit diffusen als fokalen MRT-Auffälligkeiten einhergeht und auch keine/n Pleozytose/Virusnachweis im Liquor bietet. In Fallserien lagen Enzephalopathien bei 30 % bis 70 % der Intensiv-Patienten vor und gingen mit einem schlechterem Outcome und einer höheren Mortalität einher. Oft stellt sich die COVID-19-assoziierte Enzephalopathie auch als Folge der Intensivbehandlung ein („Brain ICU disease“), betonte er.
Die Behandlung ist überwiegend symptomatisch, aber es waren auch schon immunmodulatorische Therapien erfolgreich. So kam es bei fünf Patienten unter IVIg (0,4 g/kg, 3 – 5 Tage) zu klinischen und EEG-Verbesserungen. Zu Plasmapherese und hochdosierten Kortikosteroiden ist das Bild gemischt – hier werden deutlich mehr Daten benötigt. Bösel rief abschließend auf, bei Intensiv- Patienten aktiv nach COVID-Neuro-Zeichen zu suchen.
 
Neuro-COVID akut II …
Ein Update zu zerebrovaskulären Manifestationen gab Prof. Götz Thomalla, Hamburg. Eine Metaanalyse (> 108.000 COVID-Patienten) ergab eine Schlaganfall-Inzidenz von 1,5 %. Davon waren 87 % ischämischer Art. Ob gegenüber anderen schwerkranken Patienten wirklich eine relevante Häufung vorliegt, lässt sich anhand der Datenlage noch nicht sicher sagen, so Thomalla. Das Outcome nach einem Schlaganfall ist bei COVID-Patienten deutlich schlechter. Eine Studie (n = 174) zeigte einen schlechteren NISS (10 vs. 6) und eine vierfache höhere Sterblichkeit. Interessanterweise gingen die Raten an Schlaganfall-bedingten Einweisungen und Thrombolysen in der ersten COVID-Welle um 12 % bzw. 13 % zurück. Die Schlaganfallversorgung war einer Umfrage Neurologische COVID-19-Effekte Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten diskutierten vom 21. – 23. Januar 2021 auf der Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin (ANIM) DIGITAL zahlreiche neurointensivmedizinische Themen wie das interdisziplinäre Management des zerebellären Notfalls, die minimalinvasive Therapie intrazerebraler Blutungen und die Primärversorgung des Schädel-Hirn-Traumas. Schwerpunktartig wurden die neurologischen Auswirkungen der COVID-19-Infektion und Pandemie dargestellt. Neben aktuellen Zahlen und Fakten teilten die Referenten in verschiedenen Online-Sitzungen ihre bisherigen Erfahrungen und persönlichen Ansichten. der DGS an 166 Stroke Units zufolge in der Pandemie deutlich beeinträchtet, die Durchführung von Thrombektomien aber nicht. Deutlich häufiger als Hirninfarkte sind thrombotische/thromboembolische Ereignisse. Venöse Thrombosen haben bei COVID-Patienten bspw. eine Inzidenz von 20 % bis 30 %, die Raten einer disseminierten intravasalen Gerinnung bei COVID-Verstorbenen schwanken zwischen 6 % und 71 %. Praktische Konsequenz ist, frühzeitig an eine Thromboseprophylaxe und ggf. niederschwellige Antikoagulation zu denken. Am Ende hob Thomalla noch die „Kollateralschäden“ in Form einer massiv erhöhten kardiovaskulären Mortalitälit durch die „Stay home“-Empfehlung hervor.
 
… und Neuro-COVID chronisch
Den aktuellen Wissensstand zu den anhaltenden neurologischen Folgen bei COVID-19-Patienten schilderte Prof. Andreas Bender, Burgau. Er konstatierte eine substanzielle Langzeitkomorbidität (≥ 3 Monate, „Long-COVID“) und kritisierte daher den vielfach, auch vom RKI, gebrauchten Terminus „Genesen“. In einer großen chinesischen Kohorte wiesen sechs Monate nach stationärer COVID-Behandlung 76 % mindestens ein Symptom auf, am häufigsten Fatigue (63 %). Dies ist aber durchaus auch bei leichteren Verläufen der Fall, betonte Bender. Im Übrigen werden viele Patienten nach längerer Zeit erneut hospitalisiert.
Britische App-Daten zu Langzeitfolgen (n = 4178) zeigen bei 98 % eine permanente Fatigue und bei 91 % rezidivierende Kopfschmerzen. Neben Anosmie und Dyspnoe gaben 4,1% Konzentrations-/ Gedächtnisprobleme und 2,3 % PNP-Symptome an. Risikofaktoren waren u. a. Alter, BMI und weibliches Geschlecht. Bender präsentierte Studiendaten, nach denen 25 % der Betroffenen langfristig psychische Probleme hatten, 39 % ihre normalen Tätigkeiten nicht mehr ausüben konnten und 23 % sogar erwerbsunfähig waren. Auf eine Reha sprechen neuromuskuläre Symptome seinen Erfahrungen nach relativ gut an, neuropsychiatrische Symptome eher nicht. In der bundesweiten NRO-COV- 50-Studie blieb der Barthel-Index der Teilnehmer niedrig und ihre Lebensqualität beeinträchtigt. Die Einrichtung – stark frequentierter – Post-COVID-Ambulanzen und die Neuroreha-Spezialisierung ist eine sinnvolle Reaktion auf die Langzeitfolgen. JL
ICD-Codes: U07.1
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