European Psychiatric Association (EPA) 28. – 31. März 2015 in Wien | Neuro-Depesche 5/2015

Neue Ansätze und Ziele in Europa

Ende März fanden fast 2700 Psychiater und andere Fachbesucher den Weg zum 23. Kongress der European Psychiatric Association (EPA) nach Wien. Unter der Präsidentschaft von Prof. Wolfgang Gaebel, Düsseldorf, und dem Motto „Excellence in Psychiatry“ wurden u. a. Suizide und deren Prävention sowie Internet-basierte Therapieformen diskutiert.

Hier eine kleine Auswahl aus dem breiten, in Wien diskutierten Themenspektrum.

WHO-Initiative Suizidprävention

Im einen Symposium stellte WHO-Mitarbeiterin Alexandra Fleischmann, Genf, den „World Suicide Report“ vor. Sie beklagte, dass 68 der 172 repräsentierten Staaten (40%) Suizide nicht speziell registrieren. Eine Erfassung von Suizidversuchen ist noch seltener, nur aus 20 Ländern liegen Übersichtsdaten vor. Und nur drei Länder führen ein entsprechendes Klinikbasiertes Register. U. a. hob sie in Wien ökonomisch bedingte Unterschiede hervor: In reichen Ländern kommen auf ein weibliches Suizidopfer drei Männer, in armen Ländern nur die Hälfte (1,5). Das erklärte Ziel der WHO ist, die Suizidrate weltweit bis zum Jahr 2020 um 10% zu verringern, berichtete Fleischmann aus dem „Action Plan“. Der „World Suicide Report“ ist einsehbar unter www.who.int.

„Cultural Competence Training“

Für eine spezifische Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund plädierte Meryam Schouler-Ocak, Berlin. Bei eigenen Untersuchungen in der Klinik fand sie bei türkischen Einwanderinnen eine doppelt so hohe Suizidrate wie bei nativ-deutschen Frauen. Auch Einwanderer der zweiten Generation haben vermehrt psychische Probleme, berichtete sie. Angesichts weltweit zunehmender Migrationsbewegungen empfahl sie, sich im klinischen Alltag auf die Situation einzustellen, und verwies dafür auf die kürzlich veröffentlichte „EPA Guidance on Cultural Competence Training“.

e-Health auch kritisch sehen

Angesichts der in vielen Ländern immer noch unzureichenden Verfügbarkeit der Psychotherapie, stellen Internet-basierte Programme scheinbar eine Lösung dar. György Purebl, Budapest, sprach von großartigen Möglichkeiten, sah die Anwendung aber auch kritisch. Einige Programme wie Internet-basierte KVT’s können durchaus hilfreich sein, allerdings lassen sich im Netz viele frei verfügbare Programme finden, die nicht validiert sind und möglicherweise eher schaden als helfen. Er sah Internet-Therapien daher eher als Zusatzmaßnahme mit hohem Synergismus denn als Alternative zur ärztlichen Therapie. Auch sie seien Behandlungen, für die Indikationen und Kontraindikationen, Ein- und Ausschlusskriterien gelten. Insofern sollten sie auch vom Arzt „verordnet“ und begleitet werden. Die „European Joint Action for Mental Health and Wellbeeing“ (www.mentalhealthandwellbeeing.eu) stellt die e-Health als eine immer wichtiger werdende Komponente dar.

Psychisch krank durch T. gondii?

In einem EPA-Symposium berichtete Guillaume Ford, Paris, über die Zusammenhänge zwischen Infektionen und psychischen Erkrankungen. Studiendaten zufolge lassen sich schätzungsweise „13,7% bis 30,6% aller Schizophrenie- Fälle auf eine Toxoplasmose“ zurückführen. Toxoplasmosis gondii ist ein neurotroper Parasit, der die dopaminerge Transmission verändern könnte. In einer Metaanalyse ergab sich zwischen dieser Infektion und einer Schizophrenie eine signifikante Korrelation. Diese fand sich auch für bipolare Störungen, nicht aber für Depressionen. Interessanterweise weisen diverse geläufige Psychopharmaka Anti-Toxoplasmose- Eigenschaften auf, so Ford. Eine entsprechende hohe Aktivität entfalten z. B. Fluphenazin und Zuclopenthixol, während Clozapin und andere Atypika eine mittlere bis niedrige, und Valproat gar keine Aktivität zeigen. Die Erkennung dieser Zusammenhänge und der therapeutischen Implikationen steht noch am Anfang.

Trimodale Bildgebung

Die Entwicklung eines Gerätes zur simultanen Gewinnung von EEG-, PET- und MR-Daten schilderte Alberto del Guerra, Pisa. Das kompakte 1,5-Tesla-Gerät (nur 1,5 Tonnen schwer) soll einen PET-Scanner mit einer räumlichen Auflösung von 2 mm und damit eine bessere Qualität als derzeitige Apparate aufweisen. Die multimodale Bildgebung könnte insbesondere ein hohes Potenzial zur Frühdiagnose der Schizophrenie haben, hofft del Guerra. Zugleich soll die auf Transmitter-Konzentrationen beruhende „Loudness Dependence of Auditory evoked Potential“ (LDEAP) als Biomarker validiert werden. 2017 soll das Gerät einsatzfähig sein.

Bei Schlafproblemen hinsehen

Die Bedeutung des Schlafs im Kontext psychischer Erkrankungen nicht zu unterschätzen, empfahl in Wien eindringlich Thomas Pollmächer, Ingolstadt. Nachdem 65% bis 75% aller psychiatrisch Erkrankten (und nahezu 100% aller Depressiven) einen gestörten Schlaf aufweisen, ist die Unterscheidung nicht einfach: Schlafprobleme können wirklich Folge der psychischen Störung sein, aber auch Symptom einer Krankheit (z. B. der Schlafapnoe). Seiner Ansicht nach sollte mit Untersuchungen wie Polysomnographie, Aktigraphie etc. nicht zu sparsam umgegangen werden, zumal gerade chronische Schlafstörungen massive kardio- und zerebrovaskuläre Gesundheitsrisiken bergen. JL


ICD-Codes: F45.8 B58;F51.9

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