Akuttherapie bei Analgetika-induziertem Kopfschmerz (MOH) | Neuro-Depesche 7/2017

Nach dem Entzug: Helfen Methylprednisolon und Paracetamol?

Bei Analgetika-induziertem Kopfschmerz (Medication Overuse Headache, MOH) ist der Entzug im Allgemeinen der erste Schritt, doch über das Vorgehen im Einzelnen herrscht Unsicherheit, insbesondere über den Stellenwert der Gabe von Steroiden. In einer Pilotstudie untersuchten italienische Neurologen jetzt, ob und wie wirksam nach dem Entzug die Kurzzeittherapie mit Methylprednisolon (MP) und Paracetamol ist.

In die randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie wurden Patienten mit schwerem MOH (≥ 15 Kopfschmerztage/Monat; > 3 Monate Übergebrauch von Ergotaminen, Triptanen, oder Analgetika[-Kombinationen] an ≥ 10 Tagen/ Monat) aufgenommen. Sie hatten auf eine dreimonatige Run-in-Phase mit Edukation und Prophylaktika-Gabe (Amitriptylin, Betablocker wie Atenolol und Propranolol, Flunarizin, Perphenazin, Topiramat oder Valproat) nicht angesprochen. Bei allen wurden die übermäßig eingesetzten Analgetika abrupt abgesetzt.
Von 83 konsekutiv behandelten MOH-Patienten konnten 57 (50 Frauen) eingeschlossen werden. Alle hatten ursprünglich unter einer Migräne gelitten. Die Teilnehmer hatten übermäßig Triptane (68,4%), einfache Analgetika (31,6%), Ergotamine (5,3%) und Analgetika- Kombinationen (29,8%) eingenommen.
Je 19 Patienten erhielten nach Randomisierung jeweils i.v. über fünf Tage 500 mg Methylprednisolon (MP), 4 g Paracetamol und Placebo sowie alle zusätzlich 30 mg orales Lansoprazol. Erlaubte Rescue-Medikamente waren Metoclopramid (10 mg i.m.) und Lorazepam (1 mg). Die Ergebniskontrolle erfolgte nach fünf Tagen, nach einem und nach drei Monaten.
Keinen Entzugskopfschmerz am 5. Tag wiesen in der MP-Gruppe 21,0% und in der Paracetamol- Gruppe 31,6% auf, die Unterschiede zwischen den Gruppen (p = 0,396) und gegenüber der Placebo-Gruppe (12,5%) verfehlten die statistische Signifikanz. Ähnliches galt für die Abnahme des Entzugskopfschmerzes in den fünf Tagen, wenngleich die beiden Medikamente insbesondere an Tag 2 (= schwerster Kopfschmerztag) Placebo tendenziell überlegen waren. Die drei Studienarme unterschieden sich außerdem auch in den Entzugssymptomen und in der Häufigkeit der Notfallmedikamenten- Einnahme voneinander nicht.
Nach drei Monaten war es bei 52,8% der Patienten zum Wechsel von einem MOH zu einer episodischen Migräne (≤ 15 Tage/Monat) gekommen (MP: 50,0%, Paracetamol: 42,1%, Placebo: 68,7%), und bei fast zwei Dritteln der Teilnehmer (62,2%) lag nach drei Monaten kein Analgetika-Übergebrauch mehr vor (MP: 61,1%, Paracetamol: 47,4%, Placebo: 81,2%). Auch diese Erfolge waren unabhängig von der Studienmedikation. Im Übrigen traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf. JL

Kommentar

Um den Kopfschmerz und die Entzugsbegleitsymptome wie Übelkeit/Erbrechen, arterielle Hypotonie, Tachykardie, Insomnie, Angst etc. zu reduzieren, werden in der Akutphase der Detoxifikation im klinischen Alltag u. a. Flüssigkeitszufuhr, Analgetika, Anxiolytika, Neuroleptika, Amitriptylin, Valproat, intravenöses Dihydroergotamin, Sauerstoff, Antiemetika etc. eingesetzt. Die Studienlage zu Steroiden war bislang heterogen. Dieser Studie an Patienten mit schwerem Analgetika-induziertem Kopfschmerz zufolge nimmt der Entzugskopfschmerz in den ersten fünf Tagen nach der Detoxifikation in jedem Fall deutlich ab. Da Methylprednisolon (wie Paracetamol) Placebo am Ende der Entgiftung und beim Follow up nach drei Monaten in keinem Parameter überlegen war, ergibt sich hier kein Hinweis auf eine relevanten Nutzen von Steroiden.


Quelle:

Cevoli S et al.: Treatment of withdrawal headache in patients with medication overuse headache: a pilot study. J Headache Pain 2017; 18(1): 56 [Epub 12. Mai; doi: 10.1186/s10194-017-0763-9]

ICD-Codes: G44.4

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