Hirnblutungen unter oralen Antikoagulanzien | Neuro-Depesche 4/2015

Möglichst rasch die INR verringern und den Blutdruck senken!

Zertifizierte Fortbildung

Wie können die Hirnblutungsrisiken unter oralen Antikoagulanzien (OAK) minimiert werden? In einer großen Gruppe OAK-behandelter deutscher Schlaganfallpatienten wurden jetzt die kurz- und langfristigen Auswirkungen antikoagulatorischer und blutdrucksenkender Akutmaßnahmen auf Blutungen und Prognose näher untersucht – mit ganz eindeutigen Ergebnissen.

In der retrospektiv angelegten Kohortenstudie in 19 deutschen Universitätskliniken und Krankenhäusern wurden die Daten von 1176 Schlaganfallpatienten (2006–2012) ausgewertet, die unter OAK wie Marcumar eine Hirnblutung erlitten hatten. In einer Subgruppe von 853 Patienten wurde die Vergrößerung der Hirnblutung erfasst. Dies trat in 307 Fällen (36,0%) auf.
War die International Normalized Ratio (INR) innerhalb von 4 h nach der Krankenhausaufnahme auf einen Wert < 1,3 gesenkt worden, zeigten 43 von 217 Patienten (19,8%) eine Blutungsvergrößerung, während bei einer INR ≥ 1,3 doppelt so viele, nämlich 264 von 636 Patienten (41,5%), betroffen waren. Der Unterschied war signifikant (p < 0,001). Auch bei einer systolischen Blutdrucksenkung auf < 160 mmHg innerhalb von 4 h war die Rate an sich vergrößernden Hämatomen mit 167 von 504 Patienten (33,1%) kleiner als bei jenen, die einen Blutdruck von ≥ 160 mm Hg aufwiesen (98 von 187 Patienten: 52,4%; p < 0,001).
Die Kombination dieser beiden Faktoren ergab noch einen stärkeren Effekt: INR-Senkung auf < 1,3 plus Blutdrucksenkung auf <160 mmHg innerhalb von 4 h ging mit einer Rate an Blutungsvergrößerungen von 18,1% einher, während die Rate bei Patienten, die diese Ziele nicht erreichten, 44,2% betrug. Die Wahrscheinlichkeit (Odds Ratio) für eine Vergrößerung lag somit bei 0,28 (p < 0,001). Darüber hinaus war in der erstgenannten Gruppe auch die Krankenhaussterblichkeit mit 13,5% vs. 20,7% deutlich geringer (OR: 0,60; p = 0,03).
Bei 172 der 719 überlebenden Patienten (23,9%) wurden OAK erneut zur Schlaganfallprophylaxe angesetzt. Bei ihnen traten seltener ischämische Komplikationen als bei jenen ohne erneute OAK-Gabe (5,2% vs. 15,0%; p < 0,001). Hämorrhagische Komplikationen unterschiedenen sich zwischen diesen Gruppen dagegen nicht signifikant (8,1% vs. 6,6%; p = 0,48). JL


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

KOMMENTAR

Die Ergebnisse dieser großen deutschen Studie implizieren, bei Hirnblutungen OAK-behandelter Patienten die antikoagulatorische Wirkung der Substanzen möglichst vollständig zu neutralisieren und den Blutdruck zu senken. Wichtig ist außerdem, dass das Wiederansetzen der OAK bei den Betroffenen in der Langzeittherapie offenbar vor neuen Schlaganfällen schützt, ohne das Risiko neuer Hirnblutungen merklich zu vergrößern, mithin einen „Netto-Nutzen“ hat.

Quelle:

Kuramatsu JB et al.: Anticoagulant reversal, blood pressure levels, and anticoagulant resumption in patients with anticoagulation-related intracerebral hemorrhage. JAMA 2015; 313(8): 824-36

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